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Der leere Zettel
Loridan-Ivens: “Und du bist nicht zurückgekommen”

Marceline Loridan-Ivens hat mit 86 Jahren ein spätes Zeugnis ihres Traumas abgelegt. Als Sie mit 15 Jahren zusammen mit Ihrem Vater nach Auschwitz-Birkenau deportiert wird, gibt sie sich als älter aus und reiht sich in die Schlange der Überlebenden. „Und du bist nicht zurück gekommen“ ist ein Zwiegespräch mit dem Vater, von dem ihr als letzte Erinnerung der Zettel vor Augen steht, den er von Auschwitz nach Birkenau schmuggeln ließ, um ihr eine Botschaft zu senden.

Immer wieder kehren ihre Erinnerungen zur Zettelbotschaft des Vaters zurück, darauf nannte er Marceline „mein liebes kleines Mädchen“ – und sie ist es in ihrer Beziehung zu ihm gewissermaßen bis heute geblieben. „Ich habe so wenig Zeit gehabt, mir einen Vorrat von dir anzulegen“, schreibt sie. „Ich liebte dich so sehr, dass ich glücklich war, mit dir deportiert zu werden.“ Selbst ihre spätere Ehe und Schaffensgemeinschaft mit dem politischen Filmemacher Joris Ivens ist geprägt davon:  Joris war sehr viel älterer Mentor und Vaterfigur.

Während im Lager das Vergessen ihr Überleben sicherte – „Es war notwendig, dass das Gedächtnis zerbrach, sonst hätte ich nicht leben können.“ – ist das Leben nach dem Lager von der Suche nach Erinnerungen geprägt. Wie Puzzleteile werden sie zusammengesucht und bleiben trotzdem fragmentarisch. Der weiße Zettel, dem bis auf eine Zeile die Worte abhanden gekommen sind, bildet eine tragische, sehnsuchtsvolle Metapher.

Die als Schauspielerin und Regisseurin bekannte Loridan-Ivens bewegt mit ihrer persönlichen Geschichte zutiefst und spricht stellvertretend für viele Holocaustüberlebende. Ihre Erlebnisse im Konzentrationslager, die Schuldgefühle nach der Rückkehr, das Desinteresse der Nachkriegsgesellschaft und das Zerbrechen der Familie (sie nennt es „Sterben am Lager ohne jemals dort gewesen zu sein“) lässt Sie Revue passieren. Das Buch ist ein weiterer wichtiger Stolperstein in der Literatur zur Shoah.

Marceline Loridain-Ivens
Und du bist nicht zurückgekommen
Suhrkamp Insel, 2015
gebunden, 111 Seiten

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