Böhmisches Dorf Neukölln

Böhmen liegt am Rande Berlins

Das karge Ackerland der böhmischen Flüchtlinge ist inzwischen Teil eines turbulenten Berlins geworden. In Berlin-Neukölln, dem ehemaligen Rixdorf, schaut das Böhmische Dorf auf eine 278-jährige Geschichte zurück und sieht die zweite Generation türkischer Gastarbeiterkinder erwachsen werden. Bis heute hat das Dorf eine überraschende charmante Ausstrahlung bewahrt. Eine Ortsbesichtigung mit drei Neuköllner Protagonisten.

Die Stadtführerin

Gül-Aynur Uzun am Richardplatz
Gül-Aynur Uzun am Richardplatz, Foto: Marius Bergmann

Gül Aynur Unzun lebt seit 40 Jahren in Neukölln und gibt im Rahmen des Projektes “Route 44” des Berliner Vereins “Kultur bewegt” zusammen mit anderen türkischen Frauen und Mädchen Stadtführungen in Neukölln. Dabei verwebt sie die Erinnerungen eines Gastarbeiterkindes mit der Historie des Ortes. Die Mutter von zwei Töchtern ist eine aufgeschlossene und selbstbewusste Person mit ordentlich flottem Berliner Mundwerk. Als sie mit sechs Jahren von Istanbul nach Berlin zieht, weil ihre Mutter bei Osram arbeitet, ändert sich ihr Leben, sie erinnert sich: “Ich kam mir wie im Keller eingesperrt vor, alles war dunkel.” Die Identifikation mit den Böhmen, die 1737 auf Einladung von König Wilhelm auf dem preußischen Sandboden neue Wurzeln schlagen sollten, ist ein wichtiger Teil von Gül Aynurs Tour rund um den Richardplatz.

Der Großteil der Rixdorfer Böhmen kam aus dem nordböhmischen Dorf Čermná. Dort war die Tradition der Brüdergemeinde, ein auf Jan Hus fußendes Glaubensbekenntnis, seit dem 30-jährigen Krieg tief verwurzelt. Im Böhmen und Mähren der katholischen Habsburger jedoch hatte die Religionsfreiheit seit 1620 immer auf der Kippe gestanden und war 1726 schließlich obsolet geworden. Als die Jesuiten der Gegenreformation in Čermná die verbotene Kralitzer Bibel fanden, drohten harte Strafen und viele Familien entschlossen sich zur Flucht.

Zwar sind die Original-Kolonistenhäuser nicht erhalten, entlang der Richardstraße und Kirchgasse aber erinnern die niedrigen Bauten, zum Teil mit großen Holztoren, pittoresken Fensterläden, Gärten und Scheunen, an böhmische Vorbilder. Inoffizielle Wege erschließen das Hinterland. Die Straßen- und Familiennamen sind immer noch spürbar dem Tschechischen entlehnt: Zoufall, Motel, Wanzlikpfad, Niemetz- und Schudomastraße… Das nötigte in den 20er Jahren schon Egon Erwin Kisch zu seiner satirischen Bemerkung: “…und mancher geht dort als feiner Herr Spazier spazieren, der einst ein schlichter Procházka war.” Zu diesem Zeitpunkt waren sogar einige wenige Bewohner noch des Tschechischen mächtig – erst 1941 stirbt das Böhmische im Böhmischen Dorf aus.

Gül-Aynur, die bis heute keine deutschen Pass hat, betont bei ihren Stadtführungen immer gern, wie lange die Integration der Böhmen gedauert hat. Die böhmische Siedlung, anfangs mit mehr als doppelt so vielen Einwohnern wie das sich anschließende Deutsch-Rixdorf, wurde mißtrauisch beäugt. “Die deutschen Rixdorfer haben das Dorf nicht verstanden”, sagt Gül Aynur. “Sprichwörtlich waren das böhmische Dörfer für sie.” Erst 1874 schlossen sich die getrennten Dörfer zu einer Gesamtgemeinde Rixdorf zusammen – eine Vereinigung, die im täglichen Leben durch Heiraten und Namensänderungen schon lange vollzogen war.

Der Archivar

Stefan Butt im Betsaal der Brüdergemeinde
Stefan Butt im Betsaal der Brüdergemeinde, Foto: Marius Bergmann

Seit 2005 bildet der Museumsverein des Böhmischen Dorfes die museale Nußschale des alten Český Ryksdorf: Zwei kleine Räume erläutern unter anderem die Brandkatastrophe von 1849, verursacht durch eine Storchenplage, als ein Anwohner mit der Schrotflinte auf ein Storchennest im Reetdach geschossen hatte. Gezeigt wird auch die Haubentracht der Schwestern – die čepečeky – und der einzige, verbürgte Gegenstand aus der alten Heimat: ein schlichtes Nudelholz. Diese Dinge bleiben von einer bewegten Epoche Mitteleuropas.

Ironie der Geschichte? – Kein Problem für Stefan Butt, Archivar der Brüdergemeinde, der sich am barocken Geist der Lebensläufe vieler Rixdorfer Böhmen geschult hat. Diese Dokumente, eine Herrnhuter Eigenart, gehören mit zum wertvollsten seines Archivs; Auskunft über die Lebensverhältnisse geben sie aber nur indirekt. “Die meisten dieser Texte wurden auf dem Sterbebett in die Feder diktiert und folgen strengen formalen Konventionen mit feststehenden Formulierungen”, erklärt er. Und so sind Verluste von Ehepartnern und Kindern nur Lappalien und Nebensätze in einem gottesfürchtigen, dem Jenseits freudig entgegengehenden Leben.

Auf dem “Böhmischen Gottesacker” können Besucher die Prinzipien der Herrnhuter, so genannt nach ihrem Exil in der Lausitz, noch immer ablesen – hier ruhen Frauen und Männer getrennt mit flach auf der Erde liegenden Grabsteinen, die bis zu ihrem Verschwinden nach und nach tiefer in die Erde einsinken. An der Friedhofsmauer wurde aber doch eine Galerie geretteter Grabsteine angelegt, auf denen wiederum die sprachliche Integration abzulesen ist – erst tschechische Inschriften, dann zweisprachige, dann deutsche.

Die Herrnhuter Brüdergemeinde war aber beileibe nicht die einzige Konfession unter den Glaubensflüchtlingen. Auch Reformierte und Protestanten gab es – und kaum in Berlin, stritten sich die Geistlichen um den korrekten Ablauf der Abendmahlsliturgie. Archivar Butt erzählt stets in ironischem Ton und spart Widersprüche nicht aus. Im Herzstück der heutigen Brüdergemeinde, dem Betsaal im 1962 erbauten Gemeindezentrum lassen die quer rechteckig ausgerichteten hellen Gestühle im weißen Raum alles schlicht und kühl erscheinen. Der Altar befindet sich auf einem Podest und Butt sagt: “Eigentlich sollte der Prediger ohne Altar auf derselben Ebene wie die Gemeinde stehen.” Selbst bei den einstmals sehr progressiven Brüdern hat sich Tradition eingeschlichen – ihrem größten Denker Comenius aber wurde im Böhmischen Dorf ein besonderes Denkmal gesetzt.

Der Gärtner

Henning Vierk im Comeniusgarten
Henning Vierk im Comeniusgarten, Foto: Marius Bergmann

Als 1992 die überlebensgroße Comenius-Skulptur aus der tschechischen Republik auf einem Militärtransporter der Bundeswehr angeliefert wird, blüht der Comenius-Garten als einziges großes Sonnenblumenfeld. Zur Eröffnung reist sogar der Prager Bürgermeister an. Johann Amos Comenius (1592-1670) war der letzte Bischof der Brüdergemeinde. Die Kinder glaubten häufig, hatte Gül-Aynur versichert, es handle sich bei der Bronzeskulptur um Henning Vierk. Der große, ergraute Mann mit dem vollen Rauschebart hat tatsächlich Ähnlichkeit mit dem weltersten Pädagogen. Seit 23 Jahren sieht er den Comeniusgarten gedeihen und damit seine Idee von einem gewaltfreien Begegnungsort vieler Sprachen und Kulturen.

“Der Garten ist eine wissenschaftsgeschichtliche Rekonstruktion des Welt- und Menschenbildes von Comenius”, erklärt er. Vierck hat Politologie, Geschichte und Philosophie studiert und den Garten initiiert – hier trifft man ihn jeden Tag: “Ich sammle Müll und pflücke Äpfel und Birnen.” Sein grünes Kleinod gestaltet sich als Lebensweg durch acht Schulbereiche – von der Schule des vorgeburtlichen Werdens bis zur Schule des Todes, wobei das gesamte Umfeld, zum Beispiel der Böhmische Gottesacker, einbezogen wird. Nach dem Prinzip des am häufigsten aufgelegten Schulbuches der Welt, Comenius’ “Orbus pictus” geht es hier nicht ums Auswendiglernen, sondern um die “Sprache der Dinge”.

Es ist kaum vorstellbar, dass der Philosophen-Garten sich auf dem legendären Gelände der in den 70er Jahren abgerissenen “Richardsburg” befindet, einer typischen Berliner Mietskaserne mit fünf Höfen und katastrophalen Wohnbedingungen. Heute liegt der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund in Neukölln bei 41,1 Prozent, die Arbeitslosigkeit ist in diesem Bezirk mit 15 Prozent eine der höchsten in Berlin. Neukölln hat sich zu einem Anziehungspunkt für Künstler und Studenten entwickelt, die damit einhergehende Gentrifizierung verstärkt das soziale Ungleichgewicht.

Henning Vierck schreibt gerade an einem neuen Projektantrag – er möchte, dass in Zukunft Migrantenkinder den neu zugezogenen Bildungsbürgern den Comeniusgarten erklären. “Die Austauschgeschwindigkeit der Bevölkerung liegt bei sieben Jahren – fast niemand ist hier seßhaft”, sagt er.

Erstveröffentlichung Prager Zeitung, 8. Oktober 2015

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