Cover des Buches Die Diktatur der Moral

Neonrot blinkende Lettern M-O-R-A-L

Die Begegnung, die meinen Blick auf die Welt veränderte, fand auf der Couch statt. Ich las Günter Oggers pamphletisches Meisterwerk Die Diktatur der Moral (dtv) und habe viele meiner unreifen, ja nachgerade sozialistischen Meinungen revidieren können. Die Höhe seiner Argumentation und der rote Faden durch das Werk, diese neonrot blinkenden Lettern M-O-R-A-L haben mich jetzt immun gemacht gegen die Heuchler.

Moral muss nicht definiert werden, das ist mir klar geworden, ein paar Sätze zu Kant sind hinreichend, denn je häufiger das Wort wiederholt wird, desto deutlicher tritt dessen Bedeutung ganz von allein hervor. Leute aus der Wirtschaft, ich meine die innovativen, die das Land voranbringen, über eine gesunde Portion Egoismus und Eier verfügen, brauchen auch nicht unbedingt Moral, bei denen reicht schon Anstand. Und da muss man sagen, selbst gemessen daran, haben diese Rüden in den letzten Jahren nicht immer korrekt gehandelt. Andererseits wurden sie, wie die gesamte schlappschwänzige deutsche Wirtschaft, zum Opfer gemeiner Medienkampagnen und Zielscheiben der öffentlichen Moral, die wiederum in mittelalten Frauen ihre typischsten Vertreterinnen findet.

Ich denke, dass Oggers stoischer Verzicht auf Fußnoten und Quellenangaben auch ein Statement ist gegen die Moralisten, die Annette Schavan und Karl-Theodor zu Guttenberg zu Fall brachten. Günter Ogger ist kein Robin Hood, wie ein pflichtbewusster Steuerberater spürt er in allen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereichen die Moral auf und rechnet ab. Er hat es zu noch mehr Meisterschaft darin gebracht als Sarrazin.

Anbei ein paar meiner absoluten Lieblingsstellen aus dem Buch, ich warne davor, ihre Prägnanz, geschliffene Sprache, Ironie und bestechende Logik werden auch euch die Augen öffnen:

  • Noch gibt es keine seriöse Untersuchung zu dem Thema, doch an einzelnen Beispielen wird klar, wie vielschichtig und spannend der Wertewandel in den Demokratien des Westens abläuft. (S. 17)
  • Als ob die Unternehmen nicht genug damit zu tun hätten, ihren täglichen Geschäften nachzukommen, müssen sie jetzt auch noch belegen, wie viele Frauen, Ausländer oder Behinderte bei Ihnen etwas zu sagen haben. (S. 123f.)
  • Da die Bundeswehr verkleinert wurde und immer weniger Kriegsgerät bestellt, sehen sich die Produzenten gezwungen, für ihre Flugzeuge, Panzer, Geschütze und Gewehre Kunden im Ausland zu suchen. (S. 186)
  • Die Moral ist weiblich. (S. 320)
  • Außer vor dem Absturz seines Betriebssystems hat der Digital Native vor nichts und niemandem Respekt. […] Die Pöbeleien im Internet färben ab auf die Talkshows im TV wie auf die Umgangsformen im Alltag. (S. 324)
  • Die Effizienz des Kapitalismus besiegte nicht nur das kommunistische Weltreich, sondern auch die verführerische Idee einer auf Gleichheit aufgebauten und vom Staat gelenkten Gesellschaft. Der Sozialismus ist verschwunden, geblieben ist seine Moral. (S. 361)
  • Der Pluralismus aus vielen Ethnien und Religionen wird oft als Garant von Stabilität und Fortschritt bezeichnet, tatsächlich lähmt er die Entwicklung der Gesellschaft. (S. 368)

Zu einem großen Teil ist es ganz klar der Wertewandel, der die Wirtschaftskrise verursachte, vielleicht auch ein wenig der Finanzkapitalismus, ok. Aber dieses ganze Gebrabbel von Nachhaltigkeit, Ökologie, Menschenwürde, Gleichberechtigung (“Prüderie”), Solidarität und so treibt uns in den Ruin!!! Es muss endlich Schluss damit sein, das ist ja schlimmer als bei Hitler. Diese verdammte Moralkeule hat den an und für sich wahren Neoliberalismus völlig in Verruf gebracht, nur wegen ein paar unanständiger, aber man muss es betonen, extrem geilo begabter Jungbanker.

Wenn euch DAS nicht überzeugt, dann weiß ich auch nicht…

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