Eva Menasse: Lieber aufgregt als abgeklärt

Eva Menasse: “Mit 25 war ich mir sicher: Ich werde niemals Schriftstellerin”
Neuer Sammelband mit Essays

Sie hat sich als Schriftstellerin nie in den Elfenbeinturm zurück gezogen und war an den wichtigen Diskursen der letzten Jahre beteiligt. Eva Menasse, Exilösterreicherin in Berlin, Halbschwester von Robert Menasse, zurzeit Villa-Massimo-Stipendiatin. Bei der österreichischen Wochenzeitschrift profil hat sie das Schreibhandwerk gelernt – ihr Credo: “Wer schreiben kann, kann über alles schreiben”, war dann bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und hat, seit sie hauptberuflich Schriftstellerin ist, immer wieder Gastauftritte mit Meinungsartikeln in den großen deutschen Leitmedien. Zur Leipziger Buchmesse erschien jetzt der Sammelband Lieber aufgeregt als abgeklärt mit ihren Essays. Zusammen mit Sarah Hofmann* sprach ich mit der Autorin von Vienna, Lässliche Todsünden und Quasikristalle.

Wer schreiben kann, kann über alles schreiben

Sich einmischen und aufregen, gerade weil sie Schriftstellerin ist, sei nicht unehrenhaft, diese Einsicht zieht sich wie ein roter Faden durch den Essayband. Meinungen dürften nicht den Journalisten überlassen, Debattenkultur müsse ins Leben gerufen und gepflegt werden. Schluss mit dem deutschen Konsens klagt sie manchmal verzweifelt. Hat denn nun der Schriftsteller sogar die Pflicht, sich zu äußern, Eva Menasse? “Keiner muss politisch sein, aber jeder darf natürlich. Ich bin Schriftstellerin und politischer Mensch. Ich habe einen lebhaften Bezug zur Welt und kommuniziere gern. Es ist wahrscheinlich aber auch ein Nebenprodukt meiner früheren journalistischen Arbeit, dass ich mich äußere.”

Ich will auf keinen Fall zurück nach Wien

Meist wird Deutschland von Eva Menasse mit sehr sanften Tönen bedacht, sie bezeichnet sich als “unkritisch verliebt” in ihr Gastland und sagt auch zur Buchmesse wieder: “Ich will auf keinen Fall zurück nach Wien!” Im Buch stellt sie eine Beziehung zwischen Ösis und Ossis her: “Im Osten Deutschlands sieht es anders aus, Wien ähnlicher, geheimnisvoll abblätternde alte Bausubstanz, darin und dazwischen grantige, griesgrämige Menschen.” Ich frage noch einmal nach, welche geheime Beziehung denn nun ihrer Meinung nach zwischen den Ö’s und O’s bestehen – “das Körperliche fällt mir auf, dieses dauernd sich die Hand geben, diese Körperdistanzüberwindung.”

Und dann wären da noch Pegida und die FPÖ. Eva Menasse hat es nicht herausgefordert, aber nach Pegida wird sie auf der Buchmesse andauernd gefragt. Die Journalisten sind anscheinend froh über die klare Stichwortgeberin. “Auch Idioten müssen frei sprechen dürfen, Meinungsfreiheit beginnt da, wo es wehtut.” Und mit einem kleinen Seitenhieb auf die FPÖ soll dieses Thema dann auch beendet werden: “Man kriegt die nicht durch Ausgrenzung, sondern nur durch Umarmung weg.”

Mich interessiert Eva Menasse vor allem als Schreibende und “Leserin, die immer nur der spontanen Lust gefolgt ist.” Sie schreibe Rezensionen ausschließlich über Autoren, die sie begeistern – und es sind ein paar Überraschungen dabei: Richard Yates, Alice Munro, Andrzej Bart  und Georg Kreisler. Ihre literarischen Essays wandeln zwischen der Analyse und der Lust beim Lesen und sind mir der wertvollste Teil des Bandes. In der Menasse’schen Privatpoetologie muss Literatur wahrhaftig, ambivalent, zweifelnd und voller Zwischentöne sein – und irgendwie auch unser Gewissen: “Deshalb lesen und denken wir über Auschwitz: Weil es das Äußerste ist, zu dem Menschen fähig sind. Und weil darüber doch jeder Bescheid wissen will, der es ernst meint mit sich und der Welt.”

Leserin, die immer nur der spontanen Lust gefolgt ist

In der autobiographischen Erzählung “Ich hatte einen Vogel” heißt es an einer Stelle: “Trotzdem fühle ich mich seither wieder besonders inkompetent, hilflos und lächerlich, was aber wahrscheinlich keine schlechte Voraussetzung ist, wenn man versucht, einen Roman zu schreiben.” Ich frage Eva nach dieser Stelle, und ob sie sich verletzlich fühlt beim Schreiben und sie antwortet, dass eine Geschichte sich langsam aufbaue und am schlimmsten sei die Zeit, in der sie nicht schreibe. “Wenn mir jetzt ein Ziegelstein auf den Kopf fällt, weiß niemand von dem Buch in meinem Kopf.”

Dass sie überhaupt vom Journalismus zum literarischen Schreiben wechselte, überrascht sie selbst am meisten, wo doch ihr Bruder in der Familie als verrückt galt, weil er diesen Weg gewählt hatte. “Mit 25 war ich mir sicher: Ich werde niemals Schriftstellerin”, gesteht sie lächelnd. In Rom schreibt sie derzeit an ihrem vierten Buch, einem Erzählband.

 


*moderiert die Kultursendung Kalle beim radio t in Chemnitz und schreibt als freie Autorin u.a. für die Freie Presse

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