Sieben Jahre Luxus & Sommerdreieck

Abschiede, die nicht gelten

Ich treffe Franziska Hauser auf der Buchmesse in Leipzig, um über ihre beiden neuen Bücher zu sprechen. Franziska Hauser, der ein oder andere kennt sie aus dem Magazin mit den Aktfotos oder wegen ihrer Texte für die Berliner Zeitung oder die Nido. Sie hat in Berlin Weißensee und an der Ostkreuzschule bei Arno Fischer Fotografie studiert. Und nun erschien ihr erster Fotoband “Sieben Jahre Luxus” (Kehrer) in einem wunderbar handlichen Format – und der Debütroman “Sommerdreieck” (rowohlt), für den sie den Silberschweinpreis gewonnen hat.

Ich erkenne sie schon von weitem, das kindliche Gesicht von den Aktfotos, die sie häufig als inszenierte Selbstporträts gestaltet. Nacktheit und Körperlichkeit spielen nicht nur im fotografischen Werk eine große Rolle, auch im Roman wird mit einer Leichtigkeit und Natürlichkeit über Sexualität geschrieben, die mir auf Anhieb gefällt. Auf die Frage zum engen Bezug der beiden Bücher antwortet Franziska, der Fotoband sei logisch die Bebilderung des Romans, die Bücher eine künstlich getrennte Einheit. Vor vier Jahren hat sie aufgehört zu fotografieren und begann zu schreiben. Der Vorstellung des Lebens als einer Aneinanderreihung von Sieben-Jahres-Zyklen würde Franziska Hauser wahrscheinlich zustimmen – sieben Jahre Luxus “verwunderter Orientierungslosigkeit” hat nicht nur jedes Kind, sondern auch jeder Erwachsene, der seiner Berufung, zum Beispiel als Fotograf, folgt. Danach beginnen die Mühen der Ebene.

 


“Ich wollte danach den schweren Weg nicht gehen. Ich wollte nicht anfangen zu arbeiten. Meine Künstlerfreunde sagen: Kunst ist auch Arbeit. Aber es kommt mir nicht so vor. Es ist nicht wie eine Schicht im Krankenhaus. Es ist unendlich leicht wie schlafen, Sex und essen”, schreibt Franziska im Fotoband. Sie hat die trotzige Gabe, sich rationaler Logik einfach zu entziehen. Alles Organische, Imperfekte, Mühelose, jede emotionale Involviertheit zieht sie dem Ernst und der Pflicht vor. Als 40-Jährige kokettiert sie damit, und das sogar glaubwürdig, sich der Erwachsenenwelt immer noch zu verweigern. “Ich kann mir eh’ nicht merken, wie alt ich bin. Aber 40 war kaum mehr zu ignorieren, plötzlich wird man ernst genommen.”

Die Fotografien, die nicht mit technischer Präzision, aber umso mehr durch ihre Komposition und Lichtführung überzeugen, sind mehr als ein Kindheitsalbum. Sie erzählen von der Kindheit als einem verwunschenen Ort. Die Schauplätze und der freie Lebensstil einer spezifischen Ost-Bohème sind wie mit einem feinen grauen Schleier überzogen, der die Fotos deutlich einer jenseitigen, idealen, anderen Welt anvertraut. Irgendwann (nach sieben Jahren) legte Franziska in ihrem Wunsch, etwas festzuhalten “das mehr ist als ein leeres Versprechen” die Kodak Retina zur Seite und griff zum Stift. Die blass pastösen Fotografien der klassischen, regelrecht farbenblinden Schwarz-Weiß-Kamera wurden abgelöst von einem sehr weiblichen, körperhaften Schreibstil, der, geschuldet seiner Authentizität, Sprünge und Lücken locker aushält.

 


Wie von allein habe sich das Buch geschrieben, meint Franziska – “und ich hab’s gelesen beim Schreiben”. Die Frauen im “Sommerdreieck” haben einen Hauch von Paula und den Schönen einer Maxi Wander. Sie sind stark und verletzlich und emanzipiert zugleich, und einem Mann verfallen, auch wenn das in dieser widersprüchlichen Kombination fürs Feuilleton mitunter verwirrend sein sollte. “Ich merkte, wie meine stolze Haltung weich wurde, meine Knie einknickten und mein Rücken sich krümmte. […] Ich wollte mich ergeben, auf die Knie fallen und versprechen, dass ich mir nichts mehr wünschen würde auf der Welt, wenn ich mich nur in seinen Schoß legen dürfte.” Abgesehen von diesem gefährlichen Gefühl einer irrationalen Anziehungskraft und der Bedrohung im Paradies erzählt der Roman mit einem liebenden Blick von ganz unterschiedlichen Frauen, die ihre Kindheit in der DDR – auf dem Prenzlauer Berg – das Chaos der Wende und die anarchistischen 90er Jahre miteinander verbindet.

Franziska Hauser gelingt das Paradox flüchtige Leichtigkeit, Intuition und Lebendigkeit festzuhalten als Quintessenz eines spezifischen widerspenstigen, gierigen, melancholischen und respektlosen Lebensgefühls, das ich persönlich mit dem Osten verbinde. Ihre Bücher stecken voller Abschiede, die sie einfach nicht gelten lässt.

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