Multituned/Dubstep Sequence, 2014210 x 135 cmAcryl, schwarzweiß Fotocopy auf LeinwandFoto: B. Stürmer

Betty Stürmer macht ihr Ding

Als ich sie zum ersten Mal sehe, steht sie hinter dem Mischpult. Ihre Mädchenhaftigkeit zieht mich an, ihre knochigen Hände mit den langen Fingern erregen meine Aufmerksamkeit. Betty Stürmer nennt sich die Dame mit den klugen Augen und der tiefen Stimme. Ich will wissen, wie ihre Kunst aussieht, denn, das erzählt sie mir später in ihrem Atelier, DJing bleibe eben ein “Abspielen von Konserven”.

Betty Stürmer, in der Nähe von Nürnberg aufgewachsen, hat ein kleines Studio an der Spree, großes Fenster gen Nordwest. Sie trägt ihre großformatigen Arbeiten in den Korridor hinaus, damit ich alles betrachten kann. Auf dem Atelierboden liegen ihre Schablonendrucke in Vinylformat mit der typischen Schutzfolie. “Warhol for the poor” hat sie die Arbeiten genannt – einer ihrer zahlreichen ironischen Seitenhiebe auf den Kunstbetrieb, dem sie sich nie angebiedert, den sie immer skeptisch gesehen hat.

 

Sie kommt 1984 nach Berlin, Kreuzberg und viele Türen werden ihr in dem besetzten Haus mit internationalen Bewohnern in der Cuvrystraße aufgestoßen. Eigentlich soll sie, übers “Umgangsstudium” Soziologie, das Abitur bekommen und in Berlin ein Praktikum absolvieren – sie schmeißt aber hin und wird lieber “Szenegirl”. Im Westen der Stadt, der von der Dark Wave dominiert wird und “sehr depri” sein kann, ist sie eine Outsiderin – auf allen Hochzeiten tanzend “wusste ich nicht, was ich will und habe mich als Künstlerin gesucht”, sagt sie heute über diese Zeit. Für ihre Erinnerungen “Szenegirl” sucht sie gerade einen Verlag, das hedonistische Leben und ihre Arbeit beim Fischbüro e.V. könnten eine interessante Ergänzung zu Wolfgang Müllers Westberlin-Buch sein.

Ich schaue noch einmal zu Boden, zu den Vinyldrucken, und sehe plötzlich statt dem Frauenkopf mit den Kopfhörern einen Mozartkopf mit gedrehten Locken. Betty Stürmer bewegt sich galant in der verschiedenen Bereichen der Kunst und wendet musikalische Techniken des Remixens auf die Malerei an. Als DJ webt sie Klangteppiche und als Malerin entwickelt sie auf Leinwand Bildteppiche, die wie Tonspuren aussehen. Ich liebe, wie sie ihre Mixed-Media-Malerei als Musik-Tracks beschreibt. “Das sieht aus wie der elektrische Musikcode eines Bläser-Afrobeats und das ist eine Sequenz aus einem ziemlich wüsten Dub-Step-Track…”

 

Die Rollagen aus der Zeit von 2007 bis heute knüpfen an Bettys Kindheit an. Alte Stoffe aus Truhen im Haus ihrer Eltern wollte sie “nicht nach Berlin verschleppen” – und kam so auf die Idee, die Textilien zu fotokopieren. In schmale Streifen geschnitten, werden die Webmuster auf die Leinwand geklebt und häufig mehrmals übermalt, bis ein ganz neuer Rhythmus, eine neue Struktur entstanden ist, die in ihrer Haptik und Anmutung an Webteppiche erinnert. Die “Multi-tuned”-Serie zeigt, wie sich ein Grundstoff durch Welteinfluss ändert, in Bettys Worten durch “die Farben, die man im Leben zugesteckt bekommt”. Der Prozess der Bildfindung, zwischen Kontrollverlust und Steuerung, zwischen vorgegebenem Muster und neuen Wegen, sei wie ein klaustrophobischer Kampf gewesen, den Weg nach draußen zu finden, erzählt mir Betty.

 

Die 90er Jahre sind bis heute sicherlich die spannendste und erfolgreichste Phase in Bettys Schaffen. Nach dem Mauerfall taten sich vor allem in Berlin-Mitte für kurze Zeit die Freiräume auf, die heute alle wieder verschwunden sind. Erste Audio-Erfahrungen sammelte die Künstlerin bereits im Fischbüro, einem wichtigen Ausgangspunkt für die Berliner Clubszene, wo auch die ersten Acidhouse-Partys gegeben wurden. Sie performte in den Audiokleidern von Benoît Maubrey und war Teil der Gruppe Guitar Monkeys, die noise-Konzerte veranstaltete.

1995 initiierte sie dann im Keller ihres damaligen Atelierhauses das erste Mal “DJ Everybody” und es war der Beginn einer bis 2012 währenden Erfolgsgeschichte. Jeder konnte hier für 15 Minuten DJ sein, dem Geschmack waren keine Grenzen gesetzt, Trash war willkommen und alles funktionierte nach dem demokratischen Grundprinzip. In der Publikation mit einer Auswahl von Fotos dieser Happenings aus dem riesigen Fundus der Künstlerin beschreibt sie ihren Ansporn so: “Bei den großen Technopatys störte mich oft dieser undemokratische Moment, wenn ein DJ die Massen tanzen lässt, die Masse aber sprachlos bleibt.” DJ Everybody unterlief den Techno-Mainstream und war im Grunde ein Contrapunkt zu den großen Raves.

 

Nach ihrer autodidaktischen Suche und den vielen Erfahrungen in der Berliner Subkultur hatte es Betty schließlich an die UdK geschafft – und merkte bald, dass die entstehenden neuen Clubs sie viel mehr reizten als ein akademisches Studium. “Also habe ich einen Jump gemacht, bin aus der Akademie rausgesprungen – und damit auch aus der Kunstwelt ausgestiegen ohne Rücksicht auf die Karriere.” Denn die nächsten Jahre,  eine kurze intensive Zeitspanne während der Clubblüte in Berlin, waren der “Clubart” gewidmet – und mit ihr diesen geheimnisvollen Schauplätzen von Rausch, Tanz und Euphorie. Clubkünstler sprachen nicht von Kunst, sondern von “Deko” – mit höchstens drei Wochen Zeit von der Idee bis zur Umsetzung. Es entstanden die Beat Bilder “Stretching” fürs Esso 36 oder die überdimensionierten “Megashirts”.

Betty Stürmer hat die 90er Jahre in Berlin maßgeblich mitgeprägt, sie hat mutige Entscheidungen getroffen und immer ihr Ding gemacht. Im Haus am Lützowplatz wurde sie 1999 vor allem für ihre undogmatische, unakademische Clubart von Karin Pott anerkennend gewürdigt. Der kommerzielle Erfolg lässt bis heute auf sich warten.

Betty Stürmers Website

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