Alex in Berlin

Verdächtiges Flackern

Er nennt sich Alexander Radtke, ich glaube den Nachnamen bekam er aufgrund eines Tauschgeschäftes mit Freund Radtke. Als ich ihn kennenlernte, strahlte er eine überlegene Ruhe aus, die ihn sofort zum Mittelpunkt des Raumes machte, zumindest für diejenigen, die sich die Zeit dafür nahmen. Eigentlich hatte er gar nichts Russisches an sich, es schien, als hätte er all das mit dem umständlichen und unaussprechlichen Familiennamen abgestreift. Eher dachte ich Richtung Südeuropa, aber es haute nicht hin, denn die Augen flackerten, schlimmer als bei Tarkowskis Iwan.

Ernsthaft inbrünstig verfolgte er sein Ziel, Maler zu werden, dabei hatte er die meiste Zeit seines jungen Lebens etwas völlig anderes gemacht. Seit zwei oder drei Jahren hatte er sich, auch mithilfe eines Freundes von der Kunstakademie, das Zeichnen und Malen in Öl beigebracht und übertraf seinen Mentor natürlich bald. Auf facebook, dem russischen wie dem amerikanischen, stellte er akribisch dokumentiert die Entstehung seiner Bilder dar – und was soll ich sagen – auch in seinen Porträts flackerte es im Augenbereich verdächtig. Vielleicht hatte er noch keinen ausgeprägten eigenen Stil, aber eine sehr genaue Vorstellung von guter Kunst. Seine Idole waren: Francis Bacon, Lucian Freud, Mark Rothko und Amedeo Modigliani.

 

Den russischen Künstlern misstraute er sehr und literarisch wurde Puschkin zum Erzfeind erklärt. Dostojewski und Gogol waren akzeptiert, aber fing ich an von Michail Soschtschenko oder Danil Charms zu schwärmen, kräuselte er skeptisch seine Stirn. Dafür konnte ich seine Obsession mit dem Marquis de Sade und Poppy Brite nicht vollständig verstehen. Vor allem Sade las er wie andere die Bibel – das Schlechte im Menschen interessierte diesen unschuldigen Jungen aus der mittelgroßen sibirischen Stadt Yekaterinburg aufs Brennendste.

Natürlich malte er nachts. Er trank sehr starken Darjeeling mit Milch und Zucker. Er rauchte Kette, war schlaksig, mit rätselhaften Symbolen tätowiert und bewegte sich wie ein Panther. Auf langen Spaziergängen erkundete er Berlin und streifte am liebsten in der Morgendämmerung über die menschenleere Museumsinsel statt “Sodom und Gomorra Berghain” beizuwohnen. Als Freunde suchte er sich Seelenverwandte aus melancholischen Bands wie Blue October oder My Own Private Alaska, er wollte aber auch lebende Idole wie Gerhard Richter oder David Lynch treffen und mit seiner Kunst überzeugen.

In zwei Tagen fliegt Alexander Radtke zurück nach Russland. Er hofft auf ein Künstlervisum, um im März seinen ersten Solo-Ausstellungen in Berlin: im Atelier von Innokenti Baranov und in der Somos Gallery beizuwohnen.

Alexanders Website | Alexander auf Instagram

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