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Von den Dingen,
die überhaupt wichtig sind

Rezension zu Jonathan Lethem: Talking Heads. Fear of Music. Ein Album anstelle meines Kopfes.

Keine Jugend ist ohne Peinlichkeiten. Aber es gibt auch ein paar Dinge, die sich nie wirklich verändern, oder die uns derartig in Fleisch und Blut übergegangen sind, dass wir zu diesen Dingen geworden sind ohne es zu merken. Jonathan Lethem schreibt einen langen Essay über das Album seiner Jugend „Fear of Music“ von den Talking Heads – als 15-Jähriger verehrte er das Album dieser Band so sehr, dass er es am liebsten anstelle seines Kopfes getragen hätte, als äußeres Zeichen seiner immensen Verbundenheit.

Vom ersten Werbespot im Radio bis in die Zeilen jeden einzelnen Songs hinein: Lethem beschreibt und reanimiert sein Hörerlebnis von damals, als er keine Ahnung von den Dingen hatte, die überhaupt wichtig sind: „Städte, Drogen, Sex, Musik und Erinnerungen“. Er stellt Fear of Music auf einen Sockel und läuft, langsam erwachsen und zum Autor Jonathan Lethem werdend, immer wieder um dieses Denkmal herum. Einmal tritt er näher heran und betrachtet kleinere Details, dann wieder schaut er aus der Ferne auf das Werk und ordnet es ein, stellt Diskurse über New York und musikalische Einflüsse an.

Es ist exakte Pedanterie, wenn Lethem nun also jedem einzelnen Song, seiner eigens geschaffenen Terminologie folgend, mit ziemlich ungewöhnlichen Metaphern näherkommt. Musik ist wie Architektur – „Häuser mit Zimmern, in die man einziehen und in denen man sich verirren kann.“ Disko ist ein Schmerz, der Schmerzen austreibt. Songs haben „eine Klangfarbe, so dick aufgetragen, dass sie die Bleistiftzeichnung darunter vollständig überdeckt“ oder gleichen „schwebende[n] Blütenblätter[n] über einem dunklen Strudel aus Hall, Echo und Gitarren.“ Das Bild eines dröhnenden Wagens, der auftaucht und alles mitreißt, zieht sich durch mehrere Kapitel und es kommen immer absurdere Details dazu: „Die Gitarre ist aus dem Lieferwagen gefallen, als wir gerade gepackt haben, verstehst du, und dann sind wir beim Zurücksetzen drübergefahren…“ So habe ich noch keinen über Musik schreiben sehen!

Die Technik dieser Selbstausschöpfung als Grundlage seiner Selbstschöpfung zelebriert Lethem exzessiv und wäre sein Subjektivismus nicht so sympathisch, würde er fast nerven, manchmal grenzt er jedenfalls an Hermetik, entwickelt doch der Leser eigene Fragen angesichts einiger der ungeheuerlichen Behauptungen dieses altklugen 15-Jährigen. Aber die Bemerkungen Lethems über sein Künstlersein sind gut. „Teil dessen, was ich wie jeder andere Künstler will, ist es, das unumgängliche Rätselraten, meine in Ehren gehaltenen Missverständnisse so überzeugend und eindrucksvoll zu gestalten, dass sie wertvoller werden, als jedes Faktum es je sein könnte.“ Genau darum geht es doch, Kunst ist wie nichts entfernt von den exakten Wissenschaften – umso schöner die Metapher, die unsere postmoderne Paranoia beschreibt: „…wie schwer es ist, überhaupt eine effektive Beobachtung zu machen, wenn sich die Proben unter dem Mikroskop permanent verändern und verschieben und die Linse immer nur das eigene Gesicht reflektiert.“

Talking Heads. Fear of Music von Jonathan Lethem (der Wunsch des 15-Jährigen erfüllt sich) ist eine raffinierte Liebeserklärung an ein Kunstwerk bevor die Enttäuschungen des Lebens beginnen.  Jeder sollte anfangen, sich daran zu erinnern.

Jonathan Lethem: Talking Heads. Fear of Music. Ein Album anstelle meines Kopfes.

Klett-Cotta. Tropen. 2014

 

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