Schon längst erkannt, 2012

Chemnitz – Die Fremde

Ein Ausstellungsprojekt meines Bruders und mir. Ulrich hat „seine Stadt“ Chemnitz in Bilder gefasst, ich bin einem Phantom gefolgt und habe Worte dafür gefunden. Die zwei Blicke auf „Die Fremde“ Chemnitz ergänzen sich: Die Fotos stammen von einem Insider, wandern dokumentarisch Orte der Vergangenheit und Gegenwart ab. Die Texte entwickeln eine Mythologie, die Realitätsreste besitzt und vor allem verkannten Chemnitzerinnen, aber auch der Weiblichkeit an sich huldigt. Was ist dieses Chemnitz eigentlich – warum fühlt sich irgendwer davon inspiriert? Lest das Gespräch zwischen Ulrich und Silvia Halfter.

 

S: Chemnitz war für mich immer eine Reibungsfläche, ein Aufreger und gleichzeitig Heimat. Ich konnte nie verstehen, wie du es so lange hier ausgehalten hast…

U: Die Antwort ist: Das gute Wetter! (Es schnee-regnet gerade…)

S: Ja gut, das kannste ja auch in Berlin haben… vielleicht nicht vor derselben Kulisse… aus leergezogenen Straßenzügen und Rentnern.

U: Berlin ist zu groß. Außerdem sprechen die da komisch. Die Leere ist nur schlimm, wenn sie in dir ist.

S: Jaaa die Leere… ist überall schlimm. Die Stadt als Spiegel der eigenen Coolness ist ja ein irrer Szenestadtgedanke…

U: Ja, total ekelig. Und Leere in deiner Umwelt kann wiederum Platz schaffen für Etwas, so wie deine Texte fast völlig aus dem Nichts kommen, allein der kleine Anhaltspunkt einer slawischen Vergangenheit genügt dir dazu, oder?

S: Ja, in der Leere wächst Fiktion oder in meinem Fall besser Mythologie als kleiner Anker in die Vergangenheit. Die Frauengestalten wandeln wie Geister oder Göttinnen eine Straße der Nationen entlang, sie kreieren Begehren, Kunst und Gebrauchslyrik und im Hintergrund immer der kleine steinige Bach, das Rauschen der Geschichte.

U: Warum ausgerechnet Frauenfiguren?

S: Über die großen Männer wurde schon so viel geschrieben… Mich interessieren die Widersprüche der Weiblichkeit, unsere Stärke und Sinnlichkeit, das alogische – außerdem war das für mich ein Punkt, der mir Chemnitz wirklich erst geöffnet hat, das Werk von Frauen wie Morgner und Bösch hat irgendeine Art der Identifikation erst möglich gemacht. Jetzt sag aber mal ehrlich, was du an Chemnitz schätzt!

U: Ich glaube an der Stadt an sich schätze ich nicht allzu viel (sie hat aber auch schöne Orte), hier wohnen aber viele Leute, die ich schätze! Wenn man an einem ganz tollen Ort wohnt, wird das ja irgendwann ganz alltäglich – kann in Chemnitz nicht passieren!

S: Gute Antwort! Ich finde auch streitbare Orte am interessantesten und habe den Eindruck, dass man einfach in Ruhe sein Ding machen kann in Chemnitz, dazu die Überschaubarkeit der Szenen… Wie hast du eigentlich auf deinen fotografischen Streifzügen durch die Stadt gearbeitet? Einfach los oder zielgerichtet?

U: Bewusst die Stadt erkundet und Ausschau gehalten. Es war kein methodisches, eher ein gefühlsmäßiges Vorgehen. Der Versuch, die Szenerie, das Bild einzufangen, so wie der Moment jetzt gerade ist. Wie das Ergebnis aussieht kann man natürlich nicht KONTROLLIEREN, aber genau das ist auch der Reiz.

Alle Infos zur Ausstellung Die Fremde. Fotografien und Texte.

 

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