Franziska Wilhelm:
Meine Mutter
schwebt im
Weltall und
Großmutter 
zieht Furchen

Tonnenschwer und flirrend leicht

Den Titel werde ich mir nie merken können. Welcher Lektor hat das verbrochen, fragte ich mich beim Lesen unaufhörlich, die Autorin hat doch dem Ganzen sicher einen viel knackigeren Namen gegeben, so etwas wie “Der Landweg nach Bratislava“? Wenn ich im Gespräch versuchte auf den Titel zu rekurrieren, fiel mir nie der passende Wortlaut ein, ich machte alles weicher und rhythmischer. Ja, einen dermaßen sperrigen, unaussprechlichen und irgendwie davonfliegenden Titel hat dieses Buch! Aber reden wir nicht weiter davon, als sei darin ein tieferes Geheimnis verborgen.

Mir hat sehr gefallen, wie gut die Erzählerin ihre Orte kennt, jeden Stein und Strauch, alles vor und hinter der Theke des Café Enders, die Farbgebungen in Dorfpensionen und die Peripherie zentraleuropäischer Städte des Ostens. Überhaupt der Osten: Ein Paradies kauziger Gestalten, verpfuschter Leben und mythischer Begebenheiten, hauchzart melancholisiert – aber dies von innen heraus geschrieben macht einen Unterschied, nichts ist exotisch daran, poetisch allerdings vieles. Nach Strottenheim verschlägt es den Leser sofort nach dem Umblättern des unsäglichen Titelblatts – in die Kneipe der Verlierer, nein, genau genommen der Verlorenen, erster Satz: „Bei Leuten, die sich vor einen Zug schmeißen wollten, war Strottenheim eine große Nummer.“

Ich will jetzt gar nicht meine gemischten Gefühle beschreiben, als ich im Roman immer neue unwahrscheinlichere Wendungen, einen Roadtrip und mal härtere, mal weichere Brüche des Handlungsstrangs lesen musste. Sei es drum, die Geschichte entwickelt sich vielleicht wie eine Geschichte, die Abend für Abend weitergesponnen wird, der mündlichen Tradition und dem Zigeunertum verpflichtet. Viel wichtiger sind die materialisierten Figuren, die häufig außerhalb gesellschaftlicher Verpflichtungen zu schweben scheinen. Mit der Erzählerin möchte ich Pferde stehlen, bei der Mutter ein Bier bestellen und der Oma besser nicht zu nahe treten. Drei Frauen-Generationen und ihre spezifischen Lebensfragen hat Wilhelm in diesem Roman der Außenseiter und Selbstsucher auch noch untergebracht.

Tonnenschwer und flirrend leicht – es bleibt ein verwirrendes Gefühl nach dem Lesen zurück.

Franziska Wilhelm: Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen. Klett-Cotta 2014.

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