Es bringen - Cover

Streuobstwiese und Fickwetten

Zu bürgerlich, zu brav seien die Romane unserer Nachwuchsautoren hieß es dieses Frühjahr im Feuilleton. Die Debatte war aus den eigenen Reihen des Hildesheimer Literaturinstituts angestoßen worden und hörte auf, bevor sie begann. Verena Güntner hat mit alldem nichts zu tun, orientiert sich lieber an Salinger, Herrndorf und Mittenzwei mit ihren hervorragenden Adoleszenz-Romanen – und legt mit „Es bringen“ ein Debüt vor, das aus einem Grund lesenswert ist: Blauäugig nähert sie sich der sogenannten „verlorenen“ Jugend und ihr Schreiben ist in seiner Widersprüchlichkeit ein Triumph über die Realität.

Der Protagonist Luis wächst mit seiner jungen, alleinerziehenden Mutter in einer Hochhaussiedlung am Rande von, ich schätze München, auf – und seine Entwicklung heraus aus der ödipalen Beziehung zu ihr („Diese Frau gilt es zu schlagen, Girls. Diese Frau, nur dass ihr’s wisst“) ist eine seiner Lektionen. Der 16-Jährige ist ein ziemlich kluger, beliebter Junge, der unverbogen denkt und gern seine körperliche, geistige und sexuelle Stärke mit Fick- und Pinkelwetten zur Schau stellt. In sich trägt er aber Kindheitsängste, die er wegdrückt. Heimlich streichelt er das Pony Nutella („Dass man als Typ ein gutes Verhältnis zu einem Pony hat, kann ja auch schwul oder weicheimäßig rüberkommen. Nee, ohne mich.“) und isst die Äpfel vom alten Jablonski, nur eine der Vaterfiguren im Roman.

Der Adoleszenz-Roman ist die ultimative Form, die eigene Jugend nachzuholen, naiv, kitschig und unrealistisch zu sein und vor allem auf die alten Ideale zurück zu kommen, die der Fortschritt von Lebenszeit einem ausgetrieben hat. Güntner neigt zu Idealisierungen, aber ich bin hin- und hergerissen, das schlecht oder gut zu finden. Ihr Luis ist zwar ein echter Checker, aber er hat Marotten, die zu Grundsätzen geworden sind. Die Mutter ist zugleich verantwortungslos und klug antiautoritär, die Wohnsituation gut beobachtet und beschönt… Vielleicht ist das die beste Methode, mit Klischees umzuspringen: Erst mal bereitwillig verwenden, dann Erwartungen brechen. Der Rahmen fällt erwartungsgemäß aus, aber die Details sind klug, überraschend und witzig.

Und vor allem spielen in „Es bringen“ nicht Bürgerliche die Hauptrolle. Der Roman handelt am Rande der Gesellschaft und lebt von den Wertvorstellungen seiner Protagonisten. Da interessieren gar nicht unbedingt BMW, Nike und i-Phone – eine Streuobstwiese und die Zugspitze sind wichtiger. Zugegeben, es bleibt ein Blick durch Bürgeraugen, das ist kein sozialkritischer Ansatz und wir bleiben nicht von Psychologie und Persönlichkeitsentwicklung verschont, aber alles ist gut in einer passenden Sprache erzählt. Und warum sollte außerdem ein Junge wie Luis nicht auf diese Art denken, reden und handeln? „Das weiß ich nämlich schon, wie das ist, aber ich sage es ihm nicht, weil ich ihm sein Problem nicht wegnehmen will. Weil, irgendwie, fragt mich nicht wieso, würde mir auch was fehlen, wenn Milan nicht mehr der Milan wäre, der sich hier manchmal fremd fühlt.“

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