Schloss Jezeri

Schöne über’m Kohlegrund

Bis hier und nicht weiter hat sich der Tagebau gefräßig in die Landschaft gearbeitet. Hinter der Straße ein schmaler Streifen Gehölz, dahinter beginnt der Abgrund einer zerstörten Landschaft, die Schicht für Schicht ausgebaggert wurde. Die Gier nach der Kohle verschlang Dorf um Dorf und versetzte die gotische Kirche des 12 km entfernten Most (deutsch Brüx) um 841 Meter und 90°, ein schwacher, symbolischer Trost, steht doch das Gotteshaus nun wie ein Fremdkörper zwischen den sozialistischen Siedlungen und Magistralen. Bis hier und nicht weiter – Schloss Jezeří an der Südseite des Erzgebirges blieb unberührt von den Förderbändern, vor diesem Hügel mit dem Dörfchen Horní Jiřetín (deutsch Obergeorgenthal) machte der Kohlehunger Halt.

 

Hat man den Kamm überschritten und die kahle, weite Hochebene mit den von Wind und Wetter gestutzten Kammtannen hinter sich gelassen, geht es hinab ins Tal durch lichten Mischwald. Hinter den Leitplanken liegt steiles, abschüssiges Gelände. Das Erzgebirge ist zwar ein Kulturraum, aber zwischen der deutschen Regen – und der tschechischen Sonnenseite des Gebirges können Welten liegen. Böhmen hat zwar in vielen Erscheinungen den Sozialismus noch nicht abgestreift; dennoch ist die Landschaft lieblicher, die Mentalität weicher, die Häuser südländischer und die Bemühungen, mondän zu wirken, ernsthafter. Alles scheint von einer mythisch zu nennenden Beziehung zur Natur geprägt, einer malerisch-zauberischen Verbindung. Und der beste Beweis dafür ist Schloss Jezeří.

Das Ende der Welt kann anders nicht aussehen: Die Straße ist irgendwann abgesperrt, abgebrochen, ein paar Bäume versperren den Blick auf das Tagebaugebiet, das im Winter völlig im Nebel liegt. Nur ein ewiges Rauschen, der Lärm des Abbaus, begleitet den Aufstieg, ein steiler Waldweg führt in den Wald hinan und verbirgt noch ein paar hundert Meter lang den Blick auf die frühere Burg Eisenstein, ein schwerfälliger Name, der dem Renaissance- und Barockbau gar nicht ziemt. Seit dem 14. Jahrhundert erst als Burg und später zum Schloss umgebaut thront Jezeří am steilen Hang inmitten von Buchenmischwald und sonniger Hänge voller rotem Sonnenhut. Ein steiniger Weg führt zum einzigen Tor – an drei Seiten geht es steil in die Tiefe. Der Ausblick umfasst im Sommer die weite Ebene von Usti. Als Bastion, Zeitzeugin und Mahnerin steht Jezeří seit über 600 Jahren verbürgt an dieser Stelle.

 

Jezeri im Winter
Jezeří im Winter

Auf der deutschen Seite des Gebirges ruht mit Schloss Augustusburg ein prächtiger Prototyp der nördlichen Renaissance: ein streng symmetrisches Jagdschloss mit vier Flügeln und Eckhäusern, die einen Innenhof umschließen. Nur 60 Kilometer weiter und man ist in Italien. Die zwei Stockwerke mit dem steilen Satteldach wirken hoch, licht, schlank und die vielen Anbauten und kleinen Unregelmäßigkeiten wie die halbkreisförmige Bastei von 1549 verbergen den gleichmäßigen Grundriss eines doppelten Kreuzes. Zum Anwesen gehörte eine ausgedehnte Parklandschaft mit Wirtschaftsgebäuden, Orangerie und Grotte, diese Teile sind allerdings verfallen oder dem Kohleabbau zum Opfer gefallen.

 

Schloss und Tagebaugebiet
Dramatische Kulisse: Im Vordergrund das Schloss, im Hintergrund der Kohleabbau

Nach der Schlacht am weißen Berg kam Jezeří 1623 in den Besitz der Familie Popel von Lobkowitz, eine Gewinnerin der Umwälzungen in Böhmen unter den Habsburgern, die im diplomatischen Dienst europäischer Höfe stand und der 1624 die Fürstenwürde verliehen wurde. Wilhelm von Lobkowitz baute das Schloss 1627 im Barockstil um, 1646 und erneut 1713 machte ein Feuer die Arbeit aber fast vollständig zunichte. Ein Inventar zählt stuck- und freskenverzierte Räume, eine Kapelle, einen Speisesaal, das Marmor- und Waldzimmer auf. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde eine Orangerie mit Lust- und sogar Tiergarten angelegt. 1802 baute Josef Franz Maximilian von Lobkowitz über der Kapelle einen großen, ovalen Theatersaal, in dem Gastspiele von Wiener Schauspielern gegeben wurden. Die hochkarätigen kulturellen Veranstaltungen zogen auch Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe und den Herzog Karl August von Sachsen-Eisenach an, die ohnehin auf ihrem Weg in die böhmischen Kurbäder das Erzgebirge überqueren mussten. Christoph Willibald Gluck hat seine Jugend hier verlebt, sein Vater, ein Förster, stand im Dienst des Fürsten Philipp Hyazinth von Lobkowitz. Die Modernisierungen im 19. und 20. Jahrhundert umfassten einen Billardraum und die Elektrifizierung sowie die Ausstattung mit modernen Bädern. Mit dem Anschluss des Sudetenlandes an Nazideutschland wurde zunächst die SS einquartiert, später diente das Schloss als Gefängnis für hohe französische Offiziere und wurde aus diesem Grunde mit einer grünen Tarnfarbe gestrichen. Wie das Schloss während des Kommunismus genutzt wurde, liegt im Dunkeln, bis in die 80er Jahre war der Abriss geplant, der zum Glück nie ausgeführt wurde.

 

Die von Lobkowitzer zogen nie wieder ein. Sie haben nach der Restitution Jezeří 1996 dem tschechischen Staat übertragen. Seither wird an der Restaurierung, Sanierung und Musealisierung des Komplexes gearbeitet, der erst seit ein paar Jahren in den Sommermonaten besichtigt werden kann. Viele tschechische Museen haben Leihgaben wie Möbel, Textilien, Grafiken und Gemälde nach Jezeří geschickt. Originalinterieur ist kaum vorhanden, abgesehen von den Bädern, Türen und Fenstern. Die großzügige Architektur mit Originalmalereien und Stuck sowie vielen plastischen Details am Außenbau wie den stattlichen Atlanten an einem der Portale ist aber erhalten. Durch die schöne Lage am Hang sind die meisten Räume lichtdurchflutet und bieten einen beeindruckenden Ausblick in die Ebene. Den alten Glanz hat die versteckte Schönheit Jezeří noch nicht abgestreift und neuer wird erst langsam und schrittweise erscheinen.

 

Schloss Jezeří (Eisenstein)

Englische Website:
zamek-jezeri.cz/en

Mai bis September, 9 bis 18 Uhr

Fotos: Silvia Halfter, Juni 2014

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