Hilde

Hilde, doppelt belichtet

Bevor sie auf Bohnengröße zusammenschrumpft, den Verstand verliert und von den Kindern gehänselt wird, schreit Ursula in „100 Jahre Einsamkeit“ in einem letzten Kraftakt: „Man öffne mir Türen und Fenster […]. Man koche mir Fleisch und Fisch, man kaufe die größten Schildkröten, es sollen auch wieder Fremde kommen und ihr Bettzeug in den Ecken ausbreiten und in die Rosenbüsche pissen, sie sollen an sich an den Tisch setzen und essen, so viel sie wollen, sie sollen rülpsen und maulen und alles mit ihren Stiefeln versauen und mit uns machen, was ihnen einfällt, denn das ist die einzige Art und Weise, den Untergang zu verscheuchen.“ Aber diese verzweifelte Verjüngung bleibt aus, Ursula und der mystische Ort Macondo verschwinden nacheinander.

Wie immer stehen frische Blumen auf dem mit einer weißen Tischdecke geschmückten Wohnzimmertisch, es riecht nach Küche und frischer Wäsche und durch die Fenster scheint das warme Nachmittagslicht herein. Hilde fühlt sich heute steif; die Hühneraugen drücken, aber sie hat ihr spitzbübisches Lächeln aufgesetzt, mit dem sie auch andere zum Lachen bringt. Hildegard Halfter ist biblische 91 Jahre alt (Jahrgang 1922) und wartet geduldig, vergnügt und ohne Furcht auf den Tod. Manchmal erinnert sie an Ursula – stark, pragmatisch und wenn es sein muss vulgär. Auch in ihrem Leben ist es ruhig geworden und der Einfall der Fremden unwahrscheinlich.

Wo sie früher fast jeden Tag den Weg in die Innenstadt aufnahm, stehen jetzt seltene und beschwerliche Ausflüge mit dem Rollator an. Wo sie besorgte und kochte, liefert jetzt das Essen auf Rädern, verpackt in einem Styropor-Container, Mahlzeiten in Aluminium-Assietten. Ihr Radius ist immer kleiner geworden, bis er sich fast nur noch auf ihre Einzimmerwohnung beschränkt. Sie ist schwerhörig und hat eine friedfertige, kindliche Demenz, die Gespräche in Endlosschleifen kreisen lässt, aus denen schwer auszubrechen ist. Und doch erscheint sie herzlicher und nahbarer als je zuvor. Vieles, was ich mir im Laufe der Zeit gemerkt oder aufgeschrieben habe, kann Hilde nicht mehr erinnern oder bringt es in eine neue, verwirrende Ordnung.

In ihren alten Fotoalben befindet sich eine Aufnahme, die vielleicht kurz nach der Heirat 1949 aufgenommen wurde. Sie zeigt eine glückliche Hilde in einem Blumenkleid und den Bräutigam in einem eleganten Anzug. Mit der großen Nase, den buschigen Augenbrauen und ihrem Lächeln stehen ihre Gesichtszüge deutlich im Gegensatz zu den feinen Konturen Günthers, der auf allen Fotos durch eine sonderbare Abwesenheit auffällt. Die Fotoschnipsel lösen kaum noch Erinnerungen bei Hilde aus, sie zeigen das erste, das zweite und das dritte Kind, Urlaube und Ausflüge. Nur drei rätselhafte Motive ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich:

  1. Ein im Vorgarten angekettetes Rehkitz.
  2. Eine Faschingsgesellschaft, die bis auf den Letzten maskiert ist, um einen Tisch sitzt und alle Bierflaschen fein säuberlich wie die Kegel auf einer Kegelbahn in der Mitte platziert hat.
  3. Eine doppelt belichtete Aufnahme mit Hilde, ihrer Schwester und damit verschwimmend anderen Menschen vor einer Wald- und Wiesenansicht.

Rehkitz im Hof


Das angekettete Reh: Kindheit und Jugend in der Weltwirtschaftskrise


Hilde hat mir oft erzählt, wie arm die Familie war. Der Vater Paul, von Beruf Kistenbauer, schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, in den 30ger Jahren blieb der Mutter oft nur, das Arbeitslosengeld von 12 Mark zu verwalten. In dieser Zeit konnten die 10 Pfennig für Hildes Schulausflug die Mama Anna schon zum Händeringen bringen. Anna und Paul Uhlig lebten im Haus der Großeltern mütterlicherseits, über der Tischlerei. Sie hatten zwei kleine Zimmer und wie damals üblich, eine der fünf Schlafkammern auf dem Oberboden. Die Decke war nicht „verrohrt“ das heißt Bretter und Nägel roh sichtbar, darüber bloß noch die Dachdeckung aus Schiefer. Im Winter bildete sich Raureif an den Nägeln über den roten Kindernasen. Irgendwie war Hildes Familie auch ein frühes Patchwork-Beispiel, Anna brachte ein uneheliches und der Wittwer Paul ebenfalls ein Kind mit in die Ehe, aus der noch einmal zwei Kinder hervorgingen, Hilde und ihr Bruder Werner.

Aus dem Erzgebirge – Spielzeugland voller Nussknacker, Schwibbögen und Raachermannl’n – kam damals schöner billiger Nippes: Papierblumen und Holzspielzeug, Zuverdienste der armen Stadt- und Landbevölkerung zum kargen Brot (48 Pfennig für drei Pfund, selbst das hat Hilde vor drei Jahren noch gewusst). Anna arbeitete in Heimarbeit für die Wachsblumenfabrik und stellte pro Woche zwei- bis dreitausend kleine Krepp-Papier-Rosen her, sauber gebunden zu 10 Stück und zu 1000 Stück je Box verpackt. Die ganze Familie half dabei „der Kriebs (d.h. der Stiel) wurde vom Vater gemacht, zwei Blätter versetzt angesteckt und von den Kindern geleimt“, erinnert sich Hilde. Mehrere Tanten waren Näherinnen, ein Onkel in der Amtshauptmannschaft, ein anderer bewirtete die „Weinbergschenke“ in Pillnitz bei Dresden, Hilde durfte ihn sommers besuchen und hat in zwei großen Becken vergnüglich das Geschirr gespült, denn sonntags ging es mit der Tante ins Café, wie es sich gehört für echte Kaffeesachsen.

Der Speisezettel
Mittags: Eintopf, marinierter Hering, Buttermilch und Brotwürfel
Abends: Käse, Fisch, Wurst
Sonntags: Braten
Samstags: Buttersemmeln mit Kakao
Weihnachten: Bratwurst, Sauerkraut, Kartoffeln, Linsen, Hagebuttensuppe

„Wir sind nicht in den Urlaub gefahren, wir sind draußen rumgerannt“, erzählt Hilde. Die Kinder sammelten Schneebeeren, die beim Drauftreten knackten. Sie rodelten und fuhren Ski. Sie spielten den kauzigen Nachbarn, der schief geigte, Streiche und ärgerten Frau Wehr von gegenüber und vor allem den Englischlehrer Krossmann, NSDAP-Mitglied. Er bekam vor Wut Schaum vorm Mund und schenkte Hilde zur Konfirmation dennoch ein Alpenveilchen. Fräulein Schneider unterrichtete Handarbeiten und jedes Mädchen nähte eine blaue Tasche, bestickt mit ihrem Familiennamen. Mit acht anderen Mädchen besuchte Hilde den Steno-Unterricht für 20 Pfennig pro Stunde. Anna unterschrieb die Zeugnisse immer mit „Paul Uhlig“.

 

Faschingsgesellschaft


Die Faschingsgesellschaft: Tätiges Berufsleben und drei Kinder


Mit 14 Jahren begann Hildes Lehre im Verlagsgeschäft „Zimmermann und Thiele“, das Lineale und Zeichenmaterial verkaufte, weil die eigentlich Auszubildende sich um eine kranke Angehörige kümmern musste. Es folgte eine Reihe weiterer Stationen und dazu gehörte auch der Reichsarbeitsdienst und Hildes Zeit bei der Dresdner Straßenbahn. Ich wollte immer wissen, wie sie denn jetzt war, die schönste Stadt Deutschlands, aber von Hilde hörte ich immer nur die Arbeitsabläufe im Schichtdienst und vom Wohnheim am Pirnaischen Platz – Dresden aus der Perspektive einer Straßenbahnschaffnerin.

Abgesehen davon hat Hilde wahrscheinlich einen für das Erzgebirge und die damalige Zeit typischen Lebenslauf mit hohem Pflichtanteil. Lange Zeit konnte sie ihre Stellungen und Verdienste lückenlos hersagen, aber das ist leider vorbei. Beim VEB arbeitete sie lange Jahre als Sekretärin und hatte ihre liebe Not mit einem ruppigen Chef. Das erste, das zweite und das dritte Kind, Urlaube und Ausflüge, Alltag. Ihren Mann hat sie nun schon um über 30 Jahre überlebt und ist damit länger ohne ihn als mit ihm. Als mir einmal eine Liebe abhanden kam, sagte sie, ich solle mir Zeit lassen und den Mann genau aussuchen, denn ich würde ja lange mit ihm zusammenleben.

Eine Zeit lang half ihr der Seniorenklub „Anton Günther“ über den Verlust, sie hat mich einmal mitgenommen. Danach besuchte Sie mit Vorliebe wöchentlich das Seniorenschwimmen oder „kränzelte“ mit ihren Freundinnen. Der Bademeister war liberal und ließ die Damen und Herren Sekt am Beckenrand trinken. Nachmittags saß sie oft in der Küche und las mit dem Zeigefinger die Tageszeitung, rezitierte Sätze und Abschnitte. Englische und fremde Worte musste ich ihr erklären. Sie sprach mit den Katzen, saß in der Sonne und kochte Makkaroni und Bratkartoffeln.

Hilde und ihre Schwester


Hilde, doppelt belichtet: Demenz und die Schichten der Erinnerung


Ein Königreich ist untergegangen, der Faschismus kollabierte, die DDR wurde gegründet und aufgelöst, Kohl, Schröder, Merkel gewählt. Aber der klare Sternenhimmel, die Wiesen, der Wald und die Pfade sind dieselben geblieben in ihrer Geburts-, Heimat- und Schaffensstadt Olbernhau.

Hilde schreibt noch immer Steno – Sideboards, Kommoden und die kleine Plattenbauküche füllen sich nach und nach mit Zettelnotizen an, die keiner in der Familie lesen kann. Sie senken sich wie durchlöcherte Schleier auf uns und verwirren die Geschichten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bis auf wenige helle Flecken. Ich habe mich nie besser mit Hilde unterhalten und nie so viel gelacht wie in ihrem gnädigen Verblassen. Unsere einzige Währung ist das Gefühl, phantomisch, launisch, zart. Früher streng und unnahbar, hat sich jetzt ein Schleier des Vergessens zwischen Hilde und ihre Bitternisse gelegt und alles weich gezeichnet.

 

Die Bilder sind kolorierte Collagen 

aus Hildes Fotoalbum

Copyright Hilde & Silvia Halfter

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