Lina Bo Bardi 1978, Copyright Instituto Bo Bardi

„Ja sogar den wildesten Sturm“

Lina Bo Bardi – Ein italienisches Allround-Talent in Brasilien


Lina Bo Bardi baute den Ausweg aus einer elitär gewordenen Moderne

„The intellectuals never liked it“, sagt die Architektin Lina Bo Bardi (1914-1992) über ihr Museum of Art in São Paulo (1957-64). Sie konzipierte das als Museum für Altertum und Moderne geplante Gebäude von Anfang an ganz einfach als Kunstmuseum, Museum Solar do Unhã, und war sich sicher, damit den Nerv der Jugend, der Kinder und der älteren Menschen zu treffen, denen sie im Grunde ihre Gebäude widmete. Mit ihren zwei großen öffentlichen Bauten hat sie sich zwar ins Herz der Menschen eingeschrieben, nicht aber in die Architekturgeschichte. Brasilien wird bis heute vor allem mit Oscar Niemeyer in Verbindung gebracht, der eine strenge, weiße Moderne baute.

Foto: Lina Bo Bardi 1978, Copyright Instituto Bo Bardi


Sie war kosmopolitisch und vielseitig

Obwohl in Italien geboren, verwirklichte Lina Bo Bardi ihre Architektur ausschließlich in Brasilien, wohin sie 1946 mit ihrem Mann aussiedelte, wahrscheinlich aufgrund einer Reihe politischer Enttäuschungen, die sie als engagierte Widerstandskämpferin nicht hinnehmen konnte. Lina war kosmopolitisch und vielseitig. Neben ihrem Beruf als Architektin arbeitete Sie auch als Bühnenausstatterin, Autorin, Zeichnerin, Möbeldesignerin und Kuratorin.

Nun zeigt das Deutsche Architektur Zentrum mit „Lina Bo Bardi: TOGETHER“ eine Wanderausstellung, die das Konzept verfolgt, über die künstlerische Auseinandersetzung Zugang zum Werk der Architektin zu schaffen. Die Kuratorin Noemí Blager bleibt zwar Modelle, Grundrisse und Dokumentationen zum großen Teil schuldig, kann aber schlüssig darstellen, wie Lina Bo Bardi populäre Elemente der brasilianischen Kultur für ihr Werk nutzbar machte, traditionelles Handwerk integrierte und der alten Heils- und Unheilsbringer Exu gedachte. „Ich glaube an eine internationale Gemeinschaft von Interessen, an ein Konzert lauter einzelner Stimmen. Es hat aber keinen Sinn, an eine gemeinsame Sprache für alle Menschen zu denken, wenn nicht jede und jeder für sich seine eigenen Wurzeln vertieft, die eben jeweils andere sind“, schrieb Bo Bardi.

Die Ausstellung changiert zwischen einem globigen Ausstellungsdesign, das von Bo Bardis zum Teil brutalistischen Entwürfen inspiriert ist, und einer fragilen Improvisation hin und her, und deckt damit die Widersprüchlichkeit, ja vielleicht sogar die künstlerische Strategie der Künstlerin auf. Madelon Vriesendorp schuf für den „Zitat-Regen“ Papierhände, die, von der Decke hängend, Zitate Lina Bo Bardis halten und dazu eine wilde Mischung aus in einem Workshop im Museum Solar do Unhã entstandenen Objekten, traditionellem brasilianischem Kunsthandwerk und eigenen Stücken. Tapio Snellmanns Filme erkunden Texturen, Stimmungen und Menschen und das von Lina Bo Bardi entworfene Freizeitzentrum SESC Pompéia (1977-86) in São Paulo.


Bis heute lebt hier Bardis Schildkröte

Besonders beeindruckend ist ein kurzer Streifen über das Privathaus der Bardis, das sogenannte Glashaus, Casa de Vidro (1951), einen sehr funktionalen Entwurf, der eine Symbiose mit der Natur eingeht und als heutiges „Instituto Lina Bo e P.M. Bardi“ alle Erinnerungen, Originalinterieurs und vor allem Lina Bo Bardis Objekt-Sammlungen konserviert. Das Gebäude sollte Schutz vor Wind und Regen bieten „jedoch zugleich offen für alles Poetische und Ethische, ja sogar den wildesten Sturm sein“ (Lina Bo Bardi). An diesem Ort lebt bis heute Bardis Schildkröte. Ruhe in eine manchmal aufgeregte Präsentation bringen Ioana Marinescus beleuchtete Fotokästen, die die Casa de Vidro in ihrer perfekten, lichtdurchfluteten Form zeigen.


Könnte Lina zufrieden sein?

Könnte sich eine Architektin, die Architektur als „public service and poetry“ verstand, mit einer solchen Ausstellung zufrieden geben? Eine Architektin, die Sätze prägte wie: „Die Freiheit des Künstlers war schon immer ‚individuell‘, aber wahre Freiheit kann nur kollektiv sein. Eine Freiheit, die sich der gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist und die Grenzen der Ästhetik überwindet.“ Und die bäuerische Schemel mit Möbelstücken von Le Corbusier kombinierte?

Die Ausstellung wird von „Arper“ gesponsert, einem italienischen Möbelhersteller, der Bo Bardis „Bowl Chair“ nun exklusiv industriell herstellt, ein Möbelstück, das in Prototypen existiert, aber nie in Produktion gegangen war. Vriesendorp ist die Frau von Rem Koolhaas, den Blager und Snellmann ebenfalls aus früheren Kooperationen kennen.

Neben den Stichworten der Stunde Partizipation und Nachhaltigkeit verfolgte Lina Bo Bardi ein Konzept der Gleichheit, der Wertschätzung und des Weltbürgertums, allesamt kritische Ansätze, denen die zum Teil arg oberflächliche Ausstellung aus dem Weg geht. Immerhin wagt sie es, mit dem Finger auf ein Welt- und Menschenbild zu zeigen, dass einen Hauch von Bo Bardis Würze erahnen lässt.

 

 

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