Zärtliche Geometrie

Der unsichtbare Apfel: Robert Gwisdeks kafkaeskes Debüt

Cover von Robert Gwisdek: Der unsichtbare ApfelWer Robert Gwisdek von Käptn Peng kennt, weiß, dass seine klugen Texte voller weiser und verwirrender Parabeln stecken. Was passiert, wenn daraus ein Roman entsteht?

Er liest sich wie eine irre Reise durch die Philosophie, die deutsche Literaturgeschichte und den Kopf des Protagonisten Igor, der anfangs einfach nur wie ein autistisches Kind erscheint, eine schwere Jugend voller Zweifel durchlebt, eine Liebe verliert und schließlich beginnt, verrückt zu werden. Einmal abgesehen von den beiden vorangestellten Sätzen: „Dieser Satz ist eine Lüge.“ (Seite 5) und „Dieser Satz ist wahr.“ (Seite 7), die mich sofort für das Buch einnahmen, lief ich beim Lesen ähnlich wie Igor von Welt zu Welt und Raum zu Raum und musste deswegen voller Neugier diesen Roman rasend schnell durchmessen.

Igor ist ein wunderbares Kind und wird – natürlich – durch die Schule schon sehr früh verdorben. Er bittet um ein Gespräch mit dem Direktor: „Er sagte, dass er nun schon zwei Jahre zum Unterricht komme, aber nichts finden könne, was den Tastsinn oder das Gehör trainiere. Auch sein Geruchssinn werde nicht geübt, geschweige denn die Fähigkeit, mit Tieren zu sprechen.“ Im Laufe der Geschichte wird dieses Versäumnis noch zum Verhängnis, das ist traurig und lustig zugleich. Igor ist zwar verschroben, verschlossen, uneinsichtig und aggressiv („Nach einer Weile stand er auf und beschloss, die Welt zu vernichten.“), aber die Geschichte nickt ihm immer wieder freundlich zu und gibt ihm im Großen und Ganzen recht.

Wie ein tobsüchtiger Prometheus rennt er gegen „die Welt“ an, fordert sie heraus und wird von ihr ignoriert. Er wandelt durch sein inneres Labyrinth und stößt immer wieder auf geometrische, körperlich erlebbare Formen, denen er sich mit Zärtlichkeit widmet. So schräg das jetzt klingt, aber darauf läuft es hinaus: Seine eigene Geschmeidigkeit lässt sich nicht mit der Fläche eines Dreiecks herstellen, sondern nur mit dem rotierenden Kreis.

Hier scheinen bildungshintergründig nicht nur Goethe, sondern auch Kafka und Ende ein und aus zu gehen. Als Igor sich, faustisch, seinem folgenreichsten Experiment hingibt, sich 100 Tage in eine dunkle Kammer einzuschließen, treibt ihn ein schabender Käfer, den er im Dunkeln nicht ausmachen kann, in den Wahnsinn. In seinem Fieberwahn (?) wird er irgendwann von Unbekannten zu einer Verhandlung geschleppt, in der er gleichzeitig Richter und Gerichteter ist. Schließlich muss er es mit der Diktatur des Dreiecks aufnehmen und geht gestärkt aus diesen Prüfungen hervor.

Über die Auseinandersetzung mit Sinn, Trauma und Schuld habe ich lange kein so authentisches, verzwicktes und phantasievolles Buch mehr gelesen. Dieses besitzt dazu noch metaphysische Tiefe, alle Liebenswürdigkeiten eines Debüts und einen vergifteten Apfel.

Robert Gwisdek
Der unsichtbare Apfel
Kiepenheuer & Witsch, 2014

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