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Mauer im Kopf. Steine in der Feder

Anja Goerz: Der Osten ist ein Gefühl

Anja Goerz hat ein gutes Buch geschrieben, das dennoch besser sein könnte. „Der Osten ist ein Gefühl. Über die Mauer im Kopf“ bietet einen Panormablick in die Köpfe der Ossis, geht aber selten über das Anekdotische hinaus.

Zum Ende der DDR hin erschienen ein paar literarisch-dokumentarische Werke, die sich ähnlich wie Goerz mit einem nicht repräsentativen, aber gleichwohl Bände sprechenden Ausschnitt der Gesellschaft befassten. Maxi Wanders “Guten Morgen, du Schöne” oder Irina Liebermanns „Berliner Mietshaus“ stechen besonders hervor. Die Autorinnen kamen ihren Gesprächspartnern zum Teil schmerzhaft nah, sie entlockten viel mehr als das gesagte Wort und waren Künstlerinnen des Arrangements. Ihre Persönlichkeit sprach aus den Texten, für die sie lange recherchiert und Widerstände überwunden hatten.

Goerz‘ Texte haben leider nichts von der Virtuosität des Stils und der Komposition ihrer Vorgängerinnen. Vielleicht liegt es am Radio (Goerz ist Moderatorin beim rbb), dass vieles kühl und kurzatmig nacherzählt wirkt. Außerdem entsteht der Eindruck, die Texte seien schnell und unausgereift verfasst worden, als hätte ein Gespräch genügen müssen, das doch eigentlich ein Vorgespräch war. Dadurch sind einige Berichte flüchtig, banal und oberflächlich geraten, mithin fast überflüssig, denn etwas mehr als die “es-war-ja-nicht-alles-schlecht”-Erkenntnis geben sie nicht her.

Im Vorwort erläutert Goerz die Zusammenstellung der Texte und verspricht unterschiedliche Perspektiven unter Berücksichtigung der westdeutschen Sicht. Diese West-Stimmen haben die Funktion den Osten zu erklären, um Verständnis zu werben oder wissenschaftlich einzuordnen, was belegbar ist. Von 26 Beiträgen sind 6 über westdeutsch Sozialisierte, dazu 3 Gastbeiträge und ein Zeitdokument zur Berliner „Rattenrede“ des CDU-Politikers Klaus-Rüdiger Landowsky. Ich wäre viel mehr an den Voraussetzungen der Autorin, ihren subjektiven Gedanken interessiert gewesen (die den roten Faden hätten bilden können) stattdessen klammert sie sich scheinbar objektiv aus, bis auf einen Satz: “Ich jedenfalls habe viel zu lange nicht darüber nachgedacht, wie es denen geht, die heute in der BRD leben und dennoch den Osten im Kopf und im Herzen bewahren.” Im Bemühen um Fairness sind Profil, Leidenschaftlichkeit und Struktur des Themas verlorengegangen. Neben der Initiative Dritte Generation Ost, den Diskussionen um ein Einheitsdenkmal und dem Treuhand-Film „Goldrausch“ bleibt das Buch blass.

Aber schön ist es doch, dass eine Nordfriesin einmal hingegangen ist und nachgefragt hat. Es sind zwar viele ihrer Kollegen dabei wie Regine Sylvester, Jochen Wolff von der SUPERillu oder Knut Elstermann. Aber auch die Bankangestellte Stephanie Jansen, die das Westgeld ausgezahlt hatte und sagt: „Plötzlich verstand ich, dass die Grenze nie eine wirkliche Bedrohung gewesen war, sondern für mich Sicherheit bedeutet hatte.“ – oder die Hebamme Ina Flieger kommen zu Wort. Der Punkfrisör Jörg Prüße ist in beiden Systemen erfolgreich gewesen. „Mit anderen war er sich darüber einig, dass man ruhig in der DDR bleiben kann, wenn alle Idioten wegen eines schicken Wagens oder Videorekorders in den Westen gehen.“

Selbst beim etablierten Kinokritiker Knut Elstermann gibt es ein (überraschendes) Gefühl der Kränkung und der Ungerechtigkeit, er ist nicht der einzige, der über seine Trauer spricht. Und am Ende versöhnt uns Hans Joachim Maaz: „Aber es wäre doch wichtig gewesen, dass mal einer kommt und fragt, was gut war im Osten und ehrlich darüber gesprochen hätte, welche Probleme es im Westen gab.“ Punkt eins passiert seit einiger Zeit, über die Probleme im Westen müssen wir aber noch anfangen zu sprechen.

Anja Goerz: Der Osten ist ein Gefühl. Über die Mauer im Kopf.

dtv, mit vielen s/w-Fotos

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