Victor Man

Victor Mans Klaviatur der Schatten

“Künstler des Jahres” in derKunsthalle der Deutschen Bank

Ein dunkles Gefäß, einen düsteren sakralen Raum hat Victor Man geschaffen. Die Kunsthalle der Deutschen Bank verhandelt in der aktuellen Ausstellung der Programmreihe „Artist of the Year“ Themen der Finsternis. Nur durch ein Fenster fließt Tageslicht in den Raum, gebrochen durch hunderte Felder eines Bleiglasfensters in Blautönen.

Der Rest ist perfekte Inszenierung: Die mit dunkler Leinwand meterhoch verkleideten Wände zeigen in sparsamer Hängung oft überraschend kleine Ölgemälde. Ihre vielen Schichten und eine ideale Lichtregie lassen die Gold-, Rot-, und Grüntöne unter der Vorherrschaft schwarz-grauer Farben ikonenhaft leuchten. In einer kapellenartigen Seitennische sind die Wände unverfroren eisblau getönt und zwischen ihnen und den altmeisterlich auf Holz gezogenen Leinwänden liegen feine Pelze der Bisamratte. Anscheinend wärmen sie eine körperlose Hülle und einen verhüllten Körper, denn zwischen diesen beiden Extremen bewegen sich die Frauen-Darstellungen Mans.

„Zephir“, der milde Westwind der griechischen Mythologie ist die titelgebende Figur dieser Präsentation. Er liebte Männer und Frauen und tötete in rasender Eifersucht seinen Geliebten. Auf der speziell für die Ausstellung geschaffenen Glasarbeit zerfällt er in widersprüchliche Symbole (Pentagram, Lahsmi-Stern, Totenkopf, Phalli), nur auf dieses eine verbürgte Attribut, Zephyrs stattliche Schwingen, hat der Künstler nicht verzichten können.

Mit viel Kunstverstand und feinem Gespür bewegt er sich durch die Kunstgeschichte und wird fündig: bei Sassetta und seinem heiligen Antonius, dem Einsiedler, der durch die Prüfung der Dämonen gehen muss und standhaft bleibt – Victor Man malt in seiner Palette des Schattens eine Kopie mit Fehlstellen. Er wird aber auch fündig im Louvre und beim Vertrauten de Gaulles und Kunstliebhaber André Malraux, der über antike Statuetten ein Buch verfasste. Ein kleiner steinerner Kriegsgott als Säbelgriff geistert wie ein Unruhestifter durch die Ausstellung.

Neben den teuflischen Kopien der abendländisch-christlichen Ikonografie sowie ihrer östlich-orthodoxen Ausprägung und den Verweisen auf die griechische Antike gibt es in Viktor Mans Kunstkirche aber noch genügend Raum für eine dritte Form der Spiritualität. Seine Frauen in Fetischkleidung nennt er im Bildtitel gern Schamanen. Ob sie heilend oder dämonisch wirken bleibt gewissermaßen im Dunkeln.

Schließlich aber leiten all diese Nebenräume der Andacht doch zum Altar. Ein Triptychon tut sich auf, das Triptychon dreier Frauen, die seltsam maniriert und müde auf unbequemen Stühlen sitzen und sich neben der Farbe ihrer Strümpfe vor allem durch den Kopf unterscheiden, der ihnen im Schoß liegt. Ihr Hals stößt an den oberen Bildrand, aber die Sachlichkeit der Darstellung verbietet jeden Schauder. Die Bildtitel deuten auf die Sirenen, die einen den Kopf kosten können und natürlich auf Judith und Holofernes.

Bogdan Ghiu stellt in seinem Katalogbeitrag die Nähe des Werks zu Satan, Faust und der Alchimie her. Victor Mans Malerei sei eine Renaissance der Bildkunst, „den Mythos der Kunst therapeutisch wiederbelebend.“ Diesen Märtyrerinnen mit den hoch geschlossenen Blusen und den schwarzen Pumps nimmt man unbedingt ab, der Malerei das Böse austreiben zu können.

Deutsche Bank Kunsthalle Berlin, 21.3. – 22.6.2014
Victor Man, The Chandler, 2013
Öl auf Karton, 101 x 72 cm
© Courtesy of the artist and Galerie Neu, Berlin
Foto: Mathias Schormann

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