Harun Farocki
Darkroom der Erkenntnis

Im dunkelsten Raum des Hamburger Bahnhofs, natürlich, denn es handelt sich um sechs Videoarbeiten, werden Harun Farockis „Ernste Spiele/Serious Games“ gezeigt. Die Schau zum 70. Geburtstag des Filmemachers, Drehbuchautors und Medienkritikers ist überschaubar und präzise seinen Filmen über Kriegsbilder gewidmet.
Im Haus der Kulturen der Welt wurde vor kurzem gefragt, ob und wie sich Krieg erzählen lasse – Farocki stellte schon 1969 in Bezug auf die Fernsehbilder aus Vietnam fest: „Wenn wir Ihnen ein Bild von Napalmverletzungen zeigen, werden sie die Augen verschließen. Zuerst werden sie die Augen vor den Bildern verschließen, dann werden sie die Augen vor der Erinnerung verschließen, dann werden sie die Augen vor den Tatsachen verschließen, dann werden sie die Augen vor den Zusammenhängen verschließen.“ Die Berichterstattung des ersten „television war“ hat vielleicht den Kriegsverlauf beeinflusst, aber sie hat auch deutlich gemacht, dass die Bilder eher zur Abstumpfung als zur Sensibilisierung taugen.

Als einer der ersten Filme Farockis ist „Nicht löschbares Feuer“ ein Aufruf zur Sabotage in den Rüstungsbetrieben und zur Revolution. Die Betroffenheit wirkt authentisch und fremd, denn Kunst formuliert heute keine politischen Parolen mehr. Dennoch sitzen die jungen Besucher gebannt vor der Leinwand, ein kleiner Hauch 68er-Geist weht herüber, aber den dunklen Raum überm Café Sarah Wiener wird er nicht verlassen. Man liest: „Der Schaden der Beherrschten ist der Nutzen der Herrschenden.“

Den Hauptteil und Titel der Präsentation bilden vier kürzere Zwei-Kanal-Installationen über eine andere Art von Kriegsbildern. Die virtuelle Realität und ihre innere Logik wird von Anfang bis Ende durch dekliniert. „Serious Games I“ stellt Soldaten der US Army und einen Einblick in ihre Ausbildungssoftware dar, in der sie eine topographisch korrekte Landschaft (auch der Einfallswinkel der Sonne soll stimmen) mit dem Panzer durchkreuzen. Diese Software ähnelt marktüblichen Computerspielen und simuliert einen sauberen Krieg mit klaren Fronten, in dem alles unter Kontrolle ist. Der Film zeigt auch den Ausbilder beim Platzieren von Sprengsätzen und Attentätern. Kann damit adäquat, kann überhaupt, auf einen Krieg vorbereitet werden? In „Serious Games III“ wird eine Software thematisiert, die der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen dient. 20% der Veteranen aus dem Irak sollen darunter leiden. In einer Produktpräsentation spielen Schauspieler eine Therapeutin und den traumatisierten Veteran, der noch einmal eine Stress-Situation durchlebt, am Ende gibt es Applaus.

Harun Farocki ist ein Filmemacher, der den Bildern misstraut,. Wie Susan Sontag es für die Fotografie tat, geißelt er den „angeklebten Humanismus“ der Filme. Davon handelt „Schnittstelle“. Seine Medienkritik reflektiert die Technik des Arrangierens und Schneidens von Filmmaterial, oft bebildert diese Methode fertigen Text. Farocki will aber Bilder Bilder kommentieren lassen oder einen Text aus den Bildern generieren. Seine Filme kombinieren unterschiedliche Perspektiven, bieten keinen oder sehr sparsamen Kommentar und arbeiten mit einem Verfremdungseffekt, der gesellschaftliche Rückschlüsse eröffnet. Dass die virtuellen Bilder unsere Wahrnehmung genauso verändert haben wie Vietnam, der zweite Golfkrieg oder die „embedded journalists“ steht außer Frage.

Es bleibt aber die Frage, warum dieser Künstler zu seinem 70. Geburtstag nicht umfassender gewürdigt wird.

Harun Farocki. Ernste Spiele/Serious Games
6. Februar – 13. Juli 2014
Hamburger Bahnhof

 

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