Zwei Misanthropen
unter der deutschen Lampe

Rezension zu Maxim Biller: Im Kopf von Bruno Schulz

Maxim Biller: Im Kopf von Bruno SchulzIch möchte eine Lanze brechen für Maxim Biller, diese Lanze bricht Bruno Schulz zuliebe, dessen Welt sich Biller in der Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“ einverleibt hat. Er hat nicht gestohlen oder plagiiert, das wäre ein völliges Missverständnis, Biller schlüpft fast mühelos in die phantastisch-düstere Welt, die Bruno Schulz in seinen wenigen erhaltenen Texten und Zeichnungen hinterlassen hat. Wenn es ihm an Verständnis für die jungen Autoren fehlen mag, hier herrscht im Gegenteil die denkbar warmherzigste und tragischste Hommage an den großen Erzähler des 20. Jahrhunderts.

Immer wieder ist einzelnes Interesse an Bruno Schulz in den letzten Jahren aufgeflammt, aber trotzdem steht der Zeichenlehrer aus Drohobycz ganz allein neben dem Kanon und im Schatten Kafkas (wofür Kafka gar nichts kann). Als ich ihn entdeckte, konnte ich mir nach den ersten beiden Sätzen nicht vorstellen, dass ein Schriftsteller, der Schulz gelesen hat, jemals anders schreiben will: „Im Juli fuhr mein Vater alljährlich ins Bad und gab mich samt der Mutter und den älteren Brüdern den weißglühenden und betäubenden Sommertagen preis. Wir blätterten, verrückt vom Licht, in dem großen Ferienbuch, dessen Blätter sämtlich vor Hitze brannten und auf ihrem Grund den bis zur Ohnmacht süßen Matsch goldener Birnen hatten.“

Natürlich kann Biller das trotz aller zitathafter Anlehnung stilistisch nicht erreichen, aber hier fühlt er sich zu Hause und er scheut den Vergleich nicht, auch wenn dieser ihn klein macht. Lege ich den geschmähten ZEIT-Artikel neben die Novelle, sehe ich zwei Misanthropen im Keller unter dem Licht der „schöne[n], kalte[n], deutsche[n] Lampe“ in der Florianskastraße und es scheint, als habe Biller hier den Faden zu dieser Welt wiedergefunden, der nach dem Tod Reich-Ranickis so unwiederbringlich abgerissen war.

Wenn das der Kosmos ist, von welchem aus eine gegenwärtige Literatur beurteilt werden soll, wirkt alles fade. Immerhin liegt die Kleinstadt Drohobycz in der östlichen Provinz Galiziens, was nie als kosmopolitisches Zentrum galt und trotzdem (zusammen mit Warschau und Wien freilich) Schulz‘ Welt hervorgebrachte. Im Inseldasein der Provinz hat Bruno Schulz einen weltumspannenden Mikrokosmos geschaffen, schon in den stückhaften, erhaltenen Fragmenten atemberaubend, und taumelnd denkt man an das Gesamtwerk, das abrupt endet, unwiederbringlich zerstört ist und in dem Zufallsfund der Fresken durch Benjamin Geissler vor ein paar Jahren noch einmal präzise aufblitzte.

Diese Welt ist ausgelöscht, aber nicht vergessen, wie der wunderschöne Band von Jonathan Safran Foer mit in den Text „Krokodilsgasse“ geschnittenen Leerstellen – „Tree of Codes“ – vor vier Jahren noch einmal deutlich gezeigt hat. Es sollte nicht möglich sein, dorthin zurück zu kehren, aber Biller ist es literarisch gelungen.

Und bevor Bruno Schulz in der Villa des SS-Hauptscharführers Felix Landau sein letztes Werk, eine geniale Wandmalerei mit der metaphorischen Darstellung der Shoa (!!!) fertigt, lässt Biller ihn schon in die Apokalypse ziehen, in einem Moment voller Hoffnung und Triumph. Wie Jakob der Lügner überblendet Biller damit Schulz‘ verbürgtes Schicksal – er wurde auf offener Straße erschossen – und korrigiert es an diesem einen Tag kurz vorm Einmarsch der Deutschen metaphorisch.

Noch immer werde jungen Schriftsteller/innen die Hand durch Thomas Mann geführt, schreibt Biller in seiner Literaturpolemik. In der Novelle zieht nicht zufällig ein Mann-Double durch die Stadt, mit vielen Ähnlichkeiten zum Zauberer in Manns bekannter Novelle. Eine Gaskammerszene in seinem Domizil, einem umgebauten Badezimmer, nimmt die Geschehnisse vorweg, gleichzeitig raunt die schlechte Kopie Bruno zu: „Sie nicht, Sie werden noch gebraucht…“ Der Zeichenlehrer schwänzt die Schule, um dem echten Mann von dieser Karikatur zu schreiben, verbunden mit der Hoffnung, dem Stumpfsinn der Provinz zu entkommen. Aber am Schluss geht alles in Zunder auf.

„…so wie ich nicht verschweigen kann, dass für mich und meine literarischen Figuren, […] dieses Land jedes Jahr weniger auszuhalten ist…“, schreibt Biller in der ZEIT. Hat irgendwer das gelesen? Der Trauer um den Verlust einer Welt sowie das Verschwinden einer Literatur und einer Kultur, wie wir sie kennen, wurde hier ein schmaler Band geschrieben.

Maxim Biller: Im Kopf von Bruno Schulz

Kiepenheuer und Witsch, 2013. Mit sechs Zeichnungen von Bruno Schulz.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *