Fotos von der Ausstellungseröffnung am 14. März 2014, o.T. Projektraum, Berlin (Copyright Weitsicht)

Freund der Kopie

Silvia Halfter spricht mit Juan Avellanosa über seine Ausstellung “Interieurs”


1. Die Zeichnungen

Wie lange zeichnest du bereits Interieurs und was fasziniert dich daran?

Kurz nachdem ich nach Berlin umgezogen war, vor 10 Jahren etwa, fing ich an, Ringbücher mit Zeichnungen zu füllen, ich zeichnete damals oft mit einem Kuli und die meisten dieser Zeichnungen waren Darstellungen von Interieurs, weil das die Orte sind, wo man sich in einer Stadt, so kalt wie diese, trifft. Einerseits übte ich auf diese Weise, weil ich wusste dass mein weiteres professionelles Tun eng mit dem Zeichnen verbunden sein würde. Andererseits hatte ich den Eindruck, dass ich einer Zeit lebte die sich späterhin als bedeutungsvoll erweisen würde.

Von Faszination zu sprechen hinsichtlich der Beziehung, die ich zu meinen eigenen Zeichnungen pflege, wäre etwas übertrieben. Ich fühle mich zu einer Art Unvorhersehbarkeit hingezogen, die sich im Prozess des Zeichnens offenbart.

Auf deinen Zeichnungen fällt auf, dass du im Grunde alles nimmst, wie es kommt. Für dich müssen die Wohnungen nicht aufgeräumt werden, du leuchtest nichts aus und sagst keinem, wo er sich hinsetzen soll. Geht es dir dabei um Authentizität?

Die Gewohnheit, soweit als möglich nichts am Szenario zu ändern ist zum einen sicherlich der Authentizität des Bildes geschuldet. Während es zwar der Wahrheit entspricht, dass ich eine mögliche Realität (wieder)erschaffe, ist der tatsächliche Grund meines Verhaltens aber prosaischer Natur. Zeichnen heißt, fortlaufend Entscheidungen treffen zu müssen. Indem ich die Umstände, unter denen ich zeichne, unverändert lasse, befreie ich mich von der Last der Entscheidungen. Jemand, der meine Arbeitsweise kennt, wird mich also nicht fragen, ob es ok ist, das Licht auszuschalten oder ein Fenster zu öffnen. Ansonsten bin ich am Geschehen beteiligt und folge aufmerksam jedem Gespräch, das sich ergibt, obwohl meine Beteiligung daran normalerweise knapp bleibt.

Noch etwas Wertvolles geht aus diesem Verhalten hervor. Wenn sich mein Einfluss auf die Szenerie jeweils durch Unterlassung kennzeichnet, erreiche ich Vergleichbarkeit zwischen den Zeichnungen und innerhalb dieses Werkkörpers. Man ist dann in der Lage, verlässlicher Schlüsse zu ziehen, weil die Bedingungen des Beobachters absichtlich stabil sind. Das ist die Essenz einer Reportage.

Gerade in der Magazinfotografie gibt es ein Genre, das oft berühmte Menschen in ihrer Wohnung oder ihrem Atelier zeigt. Du demokratisierst die Homestory, indem du ganz normale Menschen zeigst. Was kann die Zeichnung im Gegensatz zur Fotografie zutage fördern?

Ich weiß ehrlich gesagt keine Antwort. Stattdessen will ich ein paar Unterschiede zwischen beiden Aktivitäten, Reportagezeichnen und Fotografieren, erwähnen, die im Zusammenhang mit Magazinfotografie relevant sein könnten.

Das Aufnehmen der Realität ist beim Zeichnen, ähnlich wie beim Schreiben, und anders als beim Fotografieren, ein diskreter Prozess, insofern als eine Szene zergliedert wird, die nach menschlichem Maßstab und von Photonen und Partikeln abgesehen, Kontinuität besitzt. Die Lichtquelle als Voraussetzung der Fotografie als auch der Reportagezeichnung unterscheidet nicht zwischen den Dingen, auf die sie Licht fallen lässt. Aber wo der Zeichner, oder Verfasser, etwas markiert, wird eine bestimmte Stelle mit Bedeutung aufgeladen. Die Fotografie, als eine Weiterentwicklung der Heliografie (die Zeichnung der Sonne), nimmt sowohl das Bedeutsame als auch das Bedeutungslose innerhalb der vier Seiten ihres Rahmens auf.

Weil Zeichnen von der Tätigkeit und dem Ergebnis her viel diskreter ist als Fotografie, sind Kameras im Gerichtssaal nicht zugelassen. Das könnte auch der Grund sein, warum berühmte Menschen lieber einen Zeichner oder Maler in ihre Wohnung lassen.

Würde es dich reizen, auch mal einen Blick in Angela Merkels Küche zu werfen?

Ja klar! Aber ich würde lieber einen Blick ins Kanzleramt werfen, da ich schon viele Küchen gezeichnet habe.

Die Mittelschicht hat im letzten Jahrzehnt einen neuen soziologischen Typus hervorgebracht, der oft in der Kreativbranche arbeitet – hoch qualifizierte Menschen, die in unsteten Verhältnissen leben und arbeiten. Gerade diese Menschen porträtierst du anscheinend in Berlin und an anderen Orten. Zählst du dich auch zu dieser Klasse – und was sagen deine Bilder über diese Generation?

Ja, ich gehöre wohl zu diesem Typus, was zu einer Last werden kann, da ich gern einen ähnlich einfachen Zugang zu anderen Milieus hätte. Ich glaube, dass die übermäßige Zeit, die ich in der Haut und im Umfeld des Typus, den du beschreibst, verbracht habe, mich zu Trägheit und sogar Aggression gegenüber meinem Gegenstand geführt hat – malerisch gemeint.

In Bezug auf den Inhalt der Bilder bin ich unsicher, was sie über diesen Typus oder unsere Generation erzählen. Bewusst kümmern mich nur formale Aspekte.


2. Der Kopist

Deine Zeichnungen stellst du oft als Reproduktion aus. Du trennst auch gar nicht so genau zwischen Original und Reproduktion, indem du beispielsweise auf Prints neu zeichnest oder das ursprüngliche Bild digital stark veränderst. Viele messen dem Original dennoch mehr Wert zu – warum denkst du, ist das so? Und warum entziehst du dich dieser Logik so gern?

Ein Künstler sollte, insbesondere seit der technischen Reproduzierbarkeit der Kunst, sich Gedanken machen in Bezug auf Kopien. Wir leben in einer Welt der Kopien, alles ist wiederholt, alle lesen dieselbe Datei, kaufen dasselbe IKEA Regal, haben dieselben Sorgen. Ein Künstler heute sollte damit umgehen können. Das hat Picasso gemacht und ziemlich plötzlich malte er anders, das hat Vermeer gemacht und war sehr geheimnisvoll, das hat auch Koons gemacht und wurde sehr reich. Und die Kopie hat Tradition, gute Tradition in der deutschen Kunst, siehe Kippenbergers ‘Paris Bar’.

Ich bin sogar der Meinung, dass dieser Versuch des ‘Entfliehens’ vor der möglichen Kopie des Kopisten, die Seltsamkeit des Künstlers und sein Wunsch (oder sein Schicksal), sich von den anderen abzusetzen, zu einem starken Motiv jedes Künstlers wird, ob nun explizit oder implizit.

Neben Prints deiner Zeichnungen stellst du zum ersten Mal die Arbeit eines chinesischen Kopisten in Öl auf Leinwand nach deiner Vorlage aus. Welches Konzept steckt hinter der Idee zu dieser Kopie?

Es steckt weder eine Idee hinter dem Konzept, noch ein Konzept hinter der Idee.

Ich schätze und genieße Gemälde und als Benutzer von digitalen und analogen Medien mache ich mir ernsthafte Gedanken, wie beide Bereiche auf der Bildfläche verschmelzen. Die Schnittstelle, die ich nutze, führt oft zu klobigen, unsanften Übergängen, die ich mühsam zu berichtigen versuche. Die Ergebnisse finde ich manchmal zu enthüllend in Bezug auf meinen Arbeitsprozess und vom Bild selbst ablenkend.

Alpträume von Pixeln, die bei unterschiedlichen Vergrößerungsfaktoren unterschiedliche Farben und Richtungen ausdrücken, werden rasch weggefegt wenn man sie mit einem echten Gemälde konfrontiert. Das Gemälde, das du sehen wirst, ist eine Konsequenz meines Verlangens nach einer technisch präzisen Reproduktion als Master, den ich wieder als Entwurf nehmen kann, um weiter daran zu arbeiten.

Du zeigst mehr als du zugibst globale Mechanismen: die entwurzelten Menschen der Großstädte, die alle Konsumgüter, und auch die Kunst, aus China beziehen und gleichzeitig die negativen Auswirkungen des Postfordismus spüren. Spielen diese Ideen in deiner Arbeit auch eine Rolle?

Ich bin geboren und aufgewachsen in einer großen Stadt, der die meisten Leute in meiner Umgebung lieber entfliehen wollten. Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, verwurzelt zu sein. Was das betrifft fühle ich mich nicht mal in meiner eigenen Wohnung zu Hause.

Etwas, das ich beim Zeichnen gut habe beobachten können ist die inflationäre Präsenz aller möglichen Objekte. Dieser stets wachsende Bestand kann für das Individuum bedauerlich sein, und wirtschaftlich alarmierend, aber stellt gleichwohl eine köstliche Gegebenheit fürs Zeichnen dar.

Die Tatsache, dass ich einen geschickten Künstler, hunderttausende Kilometer in einem anderen Land entfernt, willig bezahle (wenn auch nicht so oft wie ich es mir wünschte), um für mich zu arbeiten, könnte einige Maler irritieren. Aber das ist nur ein weiteres süß-saures, freches Vergnügen, das ich genieße.


3. Die Wand

Im dritten Teil deiner Präsentation hast du auf die Wand gezeichnet. Welches Motiv zeigst du und wie steht es im Zusammenhang mit den restlichen Arbeiten der Ausstellung?

In der Wandarbeit, einer Karte der Insel Menorca, referiere ich auf Freunde und Bekannte, die, obschon maskiert oder entstellt, in den Zeichnungen auftauchen. Zu Beginn wollte ich auch Bezug nehmen auf die wenigen Tatsachen, die ich mit o.T., dem Ort, wo ich ausstelle, in Verbindung bringen kann. Nachdem ich das zu einem gewissen Grad getan hatte, habe ich mir erlaubt, mich treiben zu lassen und zusätzliche Assoziationen auszuloten.

Eine zweite Bedeutungsebene ist für mich (aber vielleicht nicht für das Publikum, das vielleicht das Werk eines anderen Künstlers darin sieht), die Menorca-Straße in Madrid, wo ich den größten Teil meines Lebens verbracht habe. Ich zitiere auf diese Weise das archetypische “Interieur” der Wohnung meiner Eltern. Außerdem sind wir mehrmals im Sommer mit der Familie auf die Insel Menorca selbst gereist, wo alles innerhalb der Küstenlinie Interieur ist, und wo wir in einem ehemaligen Lazarett unterkamen, einem Interieur innerhalb eines Interieurs.

Formell gesehen habe ich ein Interesse an der Topografie als Disziplin der Geometrie. Und außerdem entfliehe ich auf diese Weise der oppresiven Atmosphäre eines Raums, wo nur eine Sache zu sehen ist. Man kann sich entspannen und auf die Insel gucken, bevor man zur dichten Zeichnung zurückkehrt.

Ist das eine wirkliche Karte oder nicht vielmehr eine „Seelenlandschaft“?

Ich war einmal in der Praxis eines Psychoanalytikers und er fragte mich: “Weißt du, was die Seeeele ist?” Er sprach das tatsächlich mit so vielen e aus. Ich antwortete, dass, falls ich beim Lesen das Wort fand, nicht innehalten würde, um es in einem Wörterbuch zu suchen. Aber ich nicht sicher sei, was er meine. Deswegen bist du eingeladen, darin zu sehen, was du möchtest.

Fotos von der Ausstellungseröffnung am 14. März 2014, o.T. Projektraum, Berlin (Copyright Weitsicht)

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