BLOCK Magazin Cover

BLOCK Magazin – Der neue Samisdat

Nicht zimperlich gehen die Macher_innen des Magazins BLOCK mit ihrem titelgebenden Namen um; hätten sanftere Gemüter an einen NotizBLOCK, MarmorBLOCK oder sehr zaghaft an eine analoge Entsprechung des Blogs gedacht, folgt diese Ausgabe wie das vorangestellte Motto unmissverständlich markiert, Friedrich Wilhelm Gotter auf den Richtblock der Tugend.Wer kennt und liest noch Gotter? „Das Laster auf den Thron, die Tugend auf den Block“ aus der Epistel über die Starkgeisterei ist ein blutig ironischer Beginn für ein mehr literarisches als sozialkritisches, ein mehr diskursives als journalistisches Magazin „für alles“ wie Herausgeberin Theresia Enzensberger im Editorial schreibt. Block ist keines dieser Themenhefte, es ist ein Sammelsurium zunächst ausnahmslos schöner Titelüberschriften: „Man sollte niemals nach Deutschland gehen, Paolo“, „Tote Ratten im Paradies“, „Dieser Liegestuhl ist besetzt“. Aber zudem ist es auch ein „Marketingalptraum“, aus dem das Team um Enzensberger (Art Direktion Herburg Weiland) das Beste gemacht hat. Ohne crowdfunding-Plattform, aber nach demselben Prinzip wird BLOCK erst gedruckt, wenn 1000 Bestellungen vorliegen. Von der Printausgabe ist das Magazin Ende Februar noch 674 Bestellungen entfernt.

Das Heft entfaltet seine Stärke in diskursiven Texten, trotz der Ablehnung einer wirklichen Agenda gibt es Themenschwerpunkte, die sich wie Leon Dische Beckers brillante Analyse des „Bilderbuchsadismus“ im 90er-Jahre-Film Kevin allein zu Haus oder Olga Grjasnowas Essay über Stadtstrände mit der Popkultur befassen. Hanno Hauenstein schließlich überzeugt in „Der lange Schatten der weißen Stadt“ über gesellschaftlichen Ausschluss in Tel Aviv am Beispiel der Bus Station, die in letzter Zeit eher als Treffpunkt für Stricher und Junkies von sich reden macht. Wirkliche Perlen sind auch die gender- und identitätsthematischen Beiträge: Elvia Wilks Text zur Kommerzialisierung des Internet und dem damit einhergehenden Wandel der Netzkultur „Wo man nicht gut aussehen, sondern nur gut schreiben muss, um flachgelegt zu werden“ wirft einen melancholischen Blick zurück auf die Anfänge des www. „Mein Freundil Francis“ von Leslie Allison birgt eine mit Leichtigkeit und Ernst vorgetragene linguistisch begründete Kritik der deutschen Sprache, die nicht veranlagt ist, geschlechtsneutral zu sprechen.

BLOCK ist kein Berlin-Magazin. Die Autor_innen reisen, sind interkulturell gebildet, kosmopolitisch und vielsprachig, sie sind größtenteils zwischen 1982 und 1991 geboren und können am Heftende anhand eines Steckbriefes (Erziehungsanstalten, Wir nennen es Arbeit, Lebensraum, Exhibitionismus) näher bestimmt werden. Für BLOCK wurde YURI, eine eigene Serifen-Schrifttype entwickelt. Zu einem Teil sind die Texte illustriert oder von Fotostrecken begleitet, zum anderen stehen die künstlerischen Beiträge autonom. Eine schöne, bunte und magazinartige Heterogenität breitet sich vorm Leser aus, mit einspaltigem BLOCKsatz geht der magazinige Charakter jedoch gleichzeitig verloren und der Eindruck eines Buches wird erweckt. Viele, nicht alle Texte, können diesem Anspruch genügen.

In den künstlerischen Beiträgen überwiegen Fotoarbeiten. Die Reproduktion eines von Nicola Verlatos freskenartigen Gemälden, das den Pathos Michelangelos mit Pop-Zitaten verbindet, hebt sich leuchtend davon ab. Felix Burger hat aus seinen Erlebnissen in einem untergegangenen Alpenatlantis auf der ehemaligen Vergnügungsinsel Conny Island eine gespenstische s/w-Fotoserie gemacht und Elisabeth Conn-Hollyns unendliches Projekt von Porträtfotos ihrer Freund_innen, geordnet nach Kategorien, erinnert zwar stark an Taryn Simon, aber das macht nichts.

Als wirklich bewegend, neu und intensiv bleibt die Geschichte von Daniel Terna in Erinnerung. Sie ist als doppelte und dreifache Reise angelegt, erstens in die Vergangenheit seines Vaters und dessen erster Frau mit dem poetischen Namen Stella, zweitens als Fotoserie des Sohnes, der anhand der alten Dias auf derselben Route reist und drittens als offenbarendes Gespräch zwischen Vater und Sohn. Die persönliche Erzählung von Trauer, Glück, Erinnern und Abschied bekommt vor dem Hintergrund der Shoa und des amerikanischen Traums eine universelle Bedeutung.

BLOCK ist nicht der einzige Richtblock: In Berlin und anderen Städten Deutschlands sind in den vergangenen Jahren lebendige Magazine entstanden, die ganz entgegen dem allgemeinen Trend bewusst auf Print setzen. Ihre Macher gehören einer kreativen Klasse an, die nur in Nischen ihre Vorstellung vom Schreiben, Fotografieren, Zeichnen, Malen, Lesen und Leben umsetzen kann. Der Schritt zu einem auf eigenen Beinen stehenden Produkt ist nebensächlich. Es muss einmal gesagt werden: Wir lieben diese Magazine! Bei BLOCK stellt sich mit dem provozierenden Titel zum ersten Mal der Gedanke ein, dass die enorme Produktion dieses neuen Samisdat – der noch nicht sehr politisch ist – eine melancholische Trotzreaktion ist. Ein Teil unserer Kultur ist zum Sterben verurteilt, die Sehnsucht nach dem Gedruckten wird aber in Projekten wie BLOCK bewahrt und gepflegt.

block-magazin.de

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