Ireen Zielonka: Straßenjunge

Ireen-Christin Zielonka

Handwerk und Haltung 

Auf dem Weg zur reinen Zeichnung haben sich ihre Bilder in den letzten Jahren immer mehr entfärbt und übrig geblieben ist schwarze Tusche auf Papier. Das Kratzen der Feder, das Eintauchen ins Tintenfass und eine stundenlange, konzentrierte Arbeit an tastenden Linien mit einer der Tuschezeichnung eigenen Sprödigkeit bringt Blätter ans Licht, die den Namen Gedankenkunst verdient haben.

Wie die Stahlfedern ihrer Großmutter entstammen das Inventar, die Kulissen, die Protagonisten in Ireen-Christin Zielonkas Zeichnungen den 1920er und 30er Jahren. Sie ist fasziniert von Schreibmaschinen, Grammophonen, Hochhäusern sowie Schiebermützen und greift häufig auf dieses internationale Repertoire des modernen Großstadtlebens zurück, das gleichwohl in Berlin, Paris oder New York zu verorten wäre. Es ist eine mechanische Epoche lange vor der Digitalisierung, die den Beginn einer zerfallenden Kausalität der Welt markiert, bevor die Postmoderne ihre Fragmente zu einem Kaleidoskop der Weltanschauungen zersplittert. Viele Anregungen bezieht Zielonka von den Avantgardisten – Künstlern dem Ready-Made-Vorreiter Marcel Duchamp, Max Ernst oder William S. Burroughs literarischen Collagen und den Zeichnern Aubrey Beardsley und Max Klinger.

In dem Selbstportrait „Wiederholung kopflos“ von 2012 bezieht sie sich auf den Philosophen Sören Kierkegaard. Es zeigt ein angeschnittenes, klassisches Schulterstück der Künstlerin mit Brille sowie in der linken unteren Ecke in stark verkleinertem Maßstab ihre Ganzfigur auf den Kopf gestellt, allerdings ohne Kopf, der durch den Bildrand abgeschnitten scheint. Kierkegaard war im Abstand von zwei Jahren zweimal in Berlin und versuchte beim zweiten Besuch eine bewusste Wiederholung des ersten Aufenthalts, was nicht gelang und ein enttäuschendes Erlebnis war. „Die Wiederholung“ beschreibt den Mut und die innere Haltung, die zur Wiederholung als Bejahung der Gegenwart gehört, ohne Erwartungen und Hoffnungen, dann sei sie die beste Wahl für ein glückliches Leben.

Es gibt kaum eine Zeichnung Zielonkas, bei dem kein philosophischer Gedanke den Ausgangspunkt für eine allegorische Darstellung bildet. Sie fragt nach den Wechselwirkungen zwischen der Gesellschaft und dem Einzelnen und dem ungewählten Verhaftet-Sein mit Konventionen, Traditionen und Herkunft. Reflexion, Hinterfragung und Erkenntnisstreben sind wie bei den Aufklärern verpflichtend, um bewusst und mündig handeln können.

In den jüngsten Arbeiten von 2013 erschafft sie Kulissen amerikanischer Großstadtarchitektur als Symbol für die Gesellschaft. Während im Hintergrund also merkwürdig verzerrte konkav und konvex gewölbte Miets- und Geschäftshäuser aus Chicago, Detroit und New York den Raum begrenzen, spielen sich auf dem bühnenartigen Vordergrund rätselhafte Szenen ab. Die gewählte Bedeutungsperspektive lässt die Gebäude schrumpfen und das Individuum unter Umständen über die Architektur hinauswachsen.

Den Auftakt für das Gesellschaftsthema bildet das Triptychon „Ansichtssache“, auf dem formal mit Kugel- und Kreisformen gespielt wird. Vier Gebäude blähen sich zu Kugelformen auf und imitieren damit die von einem Arm ins Bild gehaltene Bowlingkugel, hinter der ein Spieler mit hoch gekrempelten Hemdsärmeln, Krawatte und Hosenträgern steht. Er erscheint noch einmal vergrößert auf der rechten Tafel, wo er mit einem Kreisel lachend einen Kreis beschreibt. Diese Arbeit nimmt nicht nur Bezug auf Duchamps Spielleidenschaft und Faszination für Schach und Boule, sondern auch auf das Spiel als gesellschaftliche Praxis, seine gewandten Akteure, die Ellenbogengesellschaft und die fatalen Börsenspiele der jüngsten Vergangenheit.

In „Straßenjunge“, einem weiteren dreiteiligen Panorama, wird ausschließlich der spielerische, tastende Tagträumer und Flaneur thematisiert, der sich in den Straßenschluchten verliert, sucht und wiederfindet. Er schlendert, die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt, heftet seinen Blick mal auf den Boden, mal an den Himmel und darf im mittleren Bildteil sogar an der Traufe eines Gebäudes „abhängen“. Sein Blick ist introspektiv, aber die Bewegung durch die Umgebung gibt wichtige Impulse. „Was heißt das eigentlich – nichts machen?“, fragt Zielonka provozierend. Für manche erscheint es als pure Zeitverschwendung, aber das Flanieren ist eine tradierte Kulturtechnik mit hohem Erkenntnisgewinn.

Zielonka verhandelt neben dem Gesellschaftsspiel auch die Gesellschaftsmaschine; Beeinflussung hat eine gesellschaftliche Dimension, zwischen deren beiden Polen Emanzipation und Manipulation das Verhältnis des Einzelnen schwankt. In „Fremd gehört“ sitzt ein Mann in dicker Winterjacke, den Außentrichter des Grammophons am Ohr, neben seinem kopflosen Körper, der das Grammophon auf dem Schoß hält. Während das Gerät und sein Bediener in Farbe gestaltet sind, ist der Zuhörer bis auf den Kopf noch farblos. Wird er sich solange einfärben lassen, bis er sich selbst fremd ist? Die Kommunikationswissenschaft behauptet mit der kognitiven Dissonanz, dass der Mensch sich mit Menschen und Medien umgibt, die der eigenen Meinung nicht allzu sehr widersprechen – aber bei Zielonka gibt es den freien Willen.

Das Triptychon „Die Schöpfer“ lenkt mit seinem Titel eine Abhörszene in eine ganz andere Richtung. Zwei Männer, einer mit Kopfhörer, der andere mit Ohrmuschel, gehen ihrer Tätigkeit des Ausspionierens nach, ihre Apparatur ist mit zahlreichen Gebäuden und auch mit einem der Männer durch Ziehharmonika-Arme verbunden. „Indem Sie hören, was die Bedürfnisse sind, und auch Bedürfnisse schaffen, entwickeln sie eine Gesellschaft,“ kommentiert Zielonka die gespenstische Zeichnung und den gesellschaftlichen Mechanismus.

Die Schreibmaschine versinnbildlicht sowohl die Vermenschlichung der Maschine als auch die Mechanisierung des Menschlichen und erschließt einen riesigen Fundus an Bildern und Assoziationen sowie einen reichen Schatz an Fundstücken aus der Literaturgeschichte. Das mechanische Schreiben ist der Beginn der Dekonstruktion des Autors, mithin das Ende der Handschrift. Für Zielonka stehen Schreibmaschinen in Form alter Modelle mit den fächerartigen Typenhebeln für den Mund und für Kommunikation.

Eine dreiteilige Serie gibt das Gespräch eines Liebespaares wieder und berührt beiläufig sexuelle und unterbewusste Bedeutungen. Neben der Darstellung von Schreibmaschinen klingt die Sprache als Typen-Text durch die Bilder: “I put my fingers in his mouth.“ – “I love a girl but I have lost my words to say it.” – “The sound of your words is not as golden as the words themselves.” – “The word is just a thought with sound and letters.” Ist der Sprache zu trauen oder steht sie wie eine Verständnisbarriere zwischen den Menschen?

„Something to say“ zeigt einen ernsten Schuljungen mit Schiebermütze und Schuluniform, der einer Schreibmaschine der Marke „honest“ bereits bis zur Taille entrollt ist. Er trägt eine Plakette mit seinem Antlitz auf dem Herzen. Mit dem spiegelverkehrten „honest“ wirft die Künstlerin Fragen auf. Was ist die Spiegelung von ehrlich? Das Gegenteil? Ein Spiegel vertauscht gemäß dem Spiegelparadoxon nicht oben und unten, nur vorn und hinten. „Wahrheit tut der Zunge weh“, urteilt der deutsche Volksmund, aber auch „das Herz auf der Zunge tragen“. Gibt es eine Wahrheit des Herzens und eine Wahrheit der Zunge, die nicht einfach zu vermitteln ist?

Von großem Interesse für Zielonka sind unbewusste Prägungen der Kindheit und des Aufwachsens. Unbestritten rühren viele unserer tiefsten Überzeugungen von emotionalen Prägungen her und jede sachliche Diskussion darüber hat ihre Grenzen. „Vorstellungen und Grundsätze werden dem Kind wie die Muttermilch mitgegeben,“ ist die Zeichnerin überzeugt. Den Unterschied macht der Grad der Bewusstheit. Im Blatt „Mutter“ gibt die symmetrische Doppelung einer Stenotypistin, die das Farbband einer riesigen Schreibmaschine wechselt, Milch über Kanäle und Röhren an einen Jungen weiter. Der Einfluss der Eltern, der Lebensumstände und Stimmungen ist undurchschaubar, weil er einen großen mittelbaren, indirekten Anteil besitzt, über den man sich selten Rechenschaft ablegt. Dennoch ist es möglich, Prägungen und Verhaltensweisen auszuloten, bewusste Entscheidungen zu treffen und sich von der Vergangenheit zu lösen.

Die Herausforderung, Zielonkas Arbeiten zu „lesen“ hängt auch mit der Collage-Technik zusammen, die unter einem oberflächlichen Sinnangebot auf Anhieb schichtenweise Komplexität und bohrende Zweifel verbirgt. Sie komponiert Bilder am PC, bevor sie den ersten Strich zeichnet und hat sich ein Repertoire wiederkehrender Motive geschaffen. Die Collage entspringt ihrer früheren Gewohnheit, mit Papierschichtungen und Zusammensetzungen zu arbeiten, während es heute Sinnschichten und zum Teil surreale Zusammenstellungen sind.

Die Collage- und Spiegeltechniken der Dadaisten und ihre Anwendung in der Literatur durch William S. Burroughs (Cut-up und Fold-in) zeigen eine formale Technik auf, das Paradox, den Zufall und den Automatismus als Gegengewicht zum schöpferischen Autor einzuführen. Ihre Überlegungen hat sie auf eine Arbeitsweise appliziert, die eine Mischung aus strenger Komposition, handwerklicher Präzision und dem kontrollierten Chaos ist. Ihre Vorlagen gewinnen auf dem Lichttisch Gestalt, wobei es keine gerade Linie gibt, sondern die Künstlerin jeden Strich überwischt, entgrenzt und auch Flecken, Spritzer sowie ihre zahllosen Fingerabdrücke als Stilmittel einsetzt.

Dabei wird die Zeichnung von Zielonka, die sich von den Effekten der Farbigkeit Stück um Stück verabschiedet, als reine Zeichnung in Ehren gehalten, weil sie wie keine andere Gattung das Nachdenken anregt. Die ihr eigene Abstraktion entwickelt einen Gedankengehalt besonderer Tiefe, wie schon Max Klinger bemerkte, der in der Zeichnung das „wahre Organ der Phantasie“ und die Kunst der Weltanschauung sah.

Die getrocknete Tusche korrespondiert mit einem altmodischen und recht preußischen Wort – der Haltung. Die puren Zeichnungen und ihre Ernsthaftigkeit sprechen von nichts anderem als Haltung – Haltung in einem stoischen, pragmatischen Sinne, nicht als Meinung. Anscheinend hält nicht nur die anachronistische Bildsprache eine aus den Angeln geratene Welt zusammen, gibt Sinn und Zusammenhang vor, wo sich Labyrinthe von Spiegelungen, Echos und Splitterungen auftun. Haltung und Handwerk sind der Kitt fugenloser Verwerfungen, eine Täuschung, der man gern erliegt.

Abbildung: Ireen-Christin Zielonka, Straßenjunge, 2013

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