Treppenhaus Targu Mures

Statt der Träume

Tagebuchnotizen aus der rumänisch-ungarischen

Stadt Târgu Mureș / Marosvásárhely

 

Samstag, 25. August 2012

17 Uhr, 35°C, gefühlte 42°C, 42% Luftfeuchtigkeit


Mein erster Eindruck: Das Leben ist intensiv, von allem zu viel, von vielem zu wenig. Überquellende Herzen und Hass, Gott und Teufel, Engel und Gangster, Philosophen und material girls. Stoßen wir darauf an, mit einem Pálinka, dem örtlichen, doppelt destillierten hochprozentigen Obstler. Die voraussetzungslose Herzlichkeit in den Plattenbauten mit Treppenhäusern voller Grünpflanzen und in den bescheidenen Häuschen der umliegenden Dörfer ist umwerfend und vereinnahmend.

Die jungen Leute leben lange bei den Eltern, sind geschmeidig und verwöhnt, oder schlagen sich in den Westen, nach Schweden, Deutschland, Großbritannien, Österreich, die USA durch. Sie haben viel: Traditionen, Liebe, Werte. Nur die Währungen Zukunft und Hoffnung sind kaum zu bekommen. Beim exzessiven Feiern gelingt die Illusion vom Ausbruch. Auf dem örtlichen Festival Fel-Sziget sagt mir eine bildhübsche 21-jährige BWL-Studentin: „Wir haben hier keine Zukunft.“

Geld, Karriere und Besitz gibt es nur mit guten Beziehungen oder mit krummen Geschäften, so einfach ist das. Im Zentrum der Stadt ist Fahrradfahren verboten und wer die Straße nicht an den Zebrastreifen überquert, kann zu einem Bußgeld verdonnert werden. Keiner versteht es, aber alle halten sich daran. Don’t trouble with the police.

Die ungarische akademische Jugend trifft sich im g-pont in einem ausgebauten Wohnhaus mit unverputzten Wänden und weinüberwuchertem Innenhof. Mit einer Kanne selbstgemachter Limonade liege ich im Schatten und versuche meine Gedanken auf einen Punkt zu konzentrieren, aber in der Hitze zerfließen sie. Ich treffe Kölök, einen Künstler, der fotografiert, zeichnet und ein großer Bewunderer von Literatur ist. Er hat jede Seite der ungarischen Übersetzung von Grass‘ Blechtrommel mit Aquarellen übermalt. Ich blättere in dem Band und möchte ihn haben.

Die 130000-Seelen-Stadt mit ihren niedrigen Barock- Bürgerhäuschen ist einmal der letzte Zipfel des Krakenarms der k.u.k. Monarchie gewesen, gehört seit dem Vertrag von Trianon zu Rumänien und hat einen Bevölkerungsanteil von fast 50% ethischen Ungarn. Unter Ceaușescu entstand ein großes, noch heute die Luft verpestendes Kombinat und eine Saatmittelindustrie. Ich kaufe Paprika-, Tomaten- und Bohnensamen.

Die ethischen Konflikte sind verzwickt und von Opferrollen und Geschichtsfälschungen verzerrt. 1990 gab es in der Stadt – von Amnesty International besorgt verfolgte – Unruhen zwischen ethischen Ungarn und Rumänen. Selbst die gebildetsten von ihnen sind in ihren Äußerungen rassistisch, haben aber doch die Sinti und Roma als gemeinsamen Sündenbock.

Ich schaue mir die wissenschaftliche Bibliothek des Aufklärers Sámuel Teleki de Szék in einem Barockpalast an und finde Agricolas Bergbaubuch, das englisch-tibetische Wörterbuch von Sándor Kőrösi Csoma, einen Atlas über die Papierherstellung mit Papierproben, Winckelmanns Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst, eine Kopie der Unabhängigkeitserklärung und eine Übersetzung der Bibel ins Arabische.

Obwohl die Stadt ein Hort bürgerlicher Bildung wurde und bis heute mehrere Universitäten beherbergt, leidet sie unter ihrer Bedeutungslosigkeit und Unsichtbarkeit für den Westen. Beispielhaft dafür steht die Casa Gauss – Bolyai. Während der eine sogar Geldnoten-Popularität genoss, wird der andere, transsilvanische, nur von Kennern der nicht-euklidischen Mathematik verehrt. Am geringsten sind die Vorwürfe gegen Gauss, weil er den Sohn seines Göttinger Studienfreundes nicht nach Deutschland holte und ihm daher eine internationale wissenschaftliche Laufbahn verwehrte, am schwersten die unbeweisbaren Plagiatsvorwürfe.

Auf der Heimfahrt ist nachts sehr viel Verkehr auf einer schlecht gewarteten Bundesstraße. Wie Gespenster tauchen im Scheinwerferlicht immer wieder Hunde auf. An den Raststätten streifen sie zwischen den Autos herum und die schönsten und größten werden bewundert und gefüttert.

 

Samstag, 22. Dezember 2012
23 Uhr, -7°C, gefühlte -9°C, 100% Luftfeuchtigkeit


Kurz vor Weihnachten sitze ich im g-pont, Paul Kalkbrenner läuft und ich treffe meine Sommerbekanntschaften wieder und lerne Schauspieler, Kindermädchen, DJs usw. kennen, die aus aller Welt in ihre Geburtsstadt gekommen sind.

Iulia arbeitet beim rumänischen Rundfunk tvr, der vor kurzem einer Art patriotischen Reinigung unterzogen wurde. Sie ist Ungarin, die Rumänisch besser als ihre Muttersprache spricht und auch im Englischen schlagfertig und frech agiert. Damit konnte sie ihren Job retten, viele andere Ungarn wurden in einem Kreuzverhör fachlich und persönlich angegriffen und flogen raus.

Seit 2011 können „Auslandsungarn“ den ungarischen Pass ganz einfach beantragen und die alten Konflikte flammen wieder auf. Die Rumänen fürchten sich vor den Autonomiebestrebungen der transsilvanischen Ungarn.

Die Qualität der Nachrichtensendungen im Fernsehen ist haarsträubend; verwackelte Nicht-Bilder vor geschlossenen Türen und Zäunen täuschen breaking news vor. Hofberichterstattung wie über irgendeinen Funktionär mit Pelzmütze beim Skiurlaub ist ganz normal. Anstelle von Märchenfilmen laufen hier anscheinend jedes Jahr die Gruselbilder von 1989. Am 25. Dezember wurden Nicolae und Elena Ceaușescu hingerichtet. Die Aufzeichnungen vom Schauprozess zeigen ein ängstliches gebrechliches altes Ehepaar.

Stromweihnachten wird hier auch gefeiert, am hellsten rund um den Hauptplatz, dem Rosenplatz, mit der orthodoxen Kirche, dem Jugendstil-Kulturpalast und dem Rathaus. Aller Bauschmuck ist mit kalten blauen Lämpchen zugehängt, die kahlen Bäume schmückt warmes Licht. Für Berliner Verhältnisse kleiden sich die jungen Passanten sehr sorgfältig und markenbewusst, keine Spur von Retro. Seit 20 Jahren, wird mir versichert, steht an diesem Platz jeden Tag die Frau mit der Personenwaage – einmal drauf stellen kostet 1 Lei.

Auf dem Flohmarkt – haufenweise werden hier Jacken, Schuhe und Elektromüll aus Westeuropa von Roma dargeboten, auf der nackten Erde aufgetürmt – schleichen alte Frauen mit Kopftuch und Filzstiefeln um die Stände. Alles kostet nichts – zu viel für sie. Ein Mütterchen verkauft selbst Gestricktes, aber alle interessieren sich nur für die Westimporte. In den Gassen der Altstadt begegnet mir ein alter Besenmacher vom Dorf, er zieht mit einem Wagen voller Reisigbesen von Haus zu Haus – zu Tränen rührend erfolglos. Der Fortschritt hinkt.

Ein Freund sagt die Kapitalisten können in Rumänien niemals erfolgreich sein, weil die Menschen ein Glück kennen, das ihnen niemand mit künstlich geschaffenen Bedürfnissen wegnehmen kann. Ich zweifle, aber halte es für möglich.

Bei Gábor, einem Studenten, der als Kellner im „Bulgakov“ arbeitet, entdecke ich einen Schatz. Er wohnt allein in der großen 3-Raum-Wohnung seiner Großeltern. In einem ungenutzten Zimmer stehen dicht an dicht alte Bauernschränke. Als er für mich sein großes Kastenbett anhebt, sehe ich säuberlich aufeinander gestapelt die Bücher seiner deutschsprachigen Großmutter Grete, schätzungsweise 400 Bände Hoffmann, Goethe, Novalis und Proust, die er nicht liest, aber über denen er jede Nacht schläft und manchmal träumt.

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