Klaus Thiel in Küstrin

Novembergrau war gestern

Wie die Erinnerungen nach Kostrzyn zurückkehren

Küstrin ist eine Stadt, die aus Erinnerung besteht. Seit dem 16. Jahrhundert wurde die Festung an der Oder mehrmals zerstört und immer wieder aufgebaut, aber 1945 endete die deutsche Geschichte der Altstadt. Kostrzyn war ein Trümmerfeld in Polen, bald überwuchert und vergessen. Bisher war ein deutscher Verein für die Erinnerung zuständig, jetzt will ein ambitioniertes polnisches Museum die Erinnerungen zurück holen.

Sieben verschiedene Pflaster bedecken die Erde, hat eine wissenschaftliche Arbeit herausgefunden, sehr viel mehr ist nicht übrig. Wo früher Häuser standen, wachsen Bäume und Sträucher, Fundamente sind zu ahnen, es gibt kleine Treppen, die in geflieste Souterrain-Läden und Schutthaufen führen. Klaus Thiel gibt eine Führung durch die Stadt seiner Kindheit. Sie erfordert viel Phantasie: die Schinkelkirche, das Schloss, die Kauf- und Bürgerhäuser – nichts davon ist erhalten und trotzdem bekommt alles greifbare Präsenz. Der Junge lief mit seinem Küstrin-Bildband durch eine Stadt, die ihn bis heute gefangen hält. In der Nagelschmiedstraße 146/47 wohnte Thiel bis zu seinem 9. Lebensjahr. Café Nicol in der Berliner Straße, Ecke Predigergasse hatte die erste Espressomaschine der Stadt. Der Kinderarzt Dr. Hennigs verwöhnte jedes Kind mit seinem patentierten Oroxalmittel, einem süßen Hustensaft – es ist als hätten die Erinnerungen Duft, Geschmack und Farbe. Klaus Thiel geht häufig auf „Touristenjagd“, wie seine polnischen Freunde liebevoll spotten. Im Nieselregen und einem kalten Wind von der Oder steht der muntere, sensible Erzähler, Jahrgang 1936, am Marktplatz von Küstrin und spricht von den Leichen. „Zwei Schichten Leichen, eine Schicht Kalk.“

„Etwas finster Unheimliches ist um ihn her und in meiner Erinnerung sehe ich den Ort, der ihn trägt, unter einem ewigen Novemberhimmel.“ Ohne den Wanderer durch die Mark Brandenburg, Theodor Fontane, wäre die Hinrichtung des Hauptmanns von Katte, der Friedrich dem Großen bei der Flucht aus der väterlichen Zucht helfen wollte, vielleicht vergessen, ebenso wie der Schatten, den das Ereignis auf den Ort warf. Das Kriegsgericht verurteilte den Hauptmann zu lebenslanger Festungshaft, aber der König wollte seinen Kopf – und sein Sohn Friedrich sollte Zeuge der Hinrichtung werden. In Küstrin wurde Katte „mit dem Schwert vom Leben zum Tode gebracht“ wie der gekränkte König es verfügt hatte. Fontanes Empathie mit dem loyalen Hauptmann färbte die Erinnerung novembergrau.

Als Kind waren für ihn die Trümmer der Altstadt ein gefährlicher Abenteuerspielplatz; die Ziegel wurden zum Aufbau Warschaus abtransportiert, heute träumt er vom Wiederaufbau Küstrins. Ryszard Skałba ist so etwas wie der Erinnerungsmanager der Altstadt Küstrin, er steht als Direktor dem Museum Festung Küstrin (Muzeum Twierdzy Kostrzyn) vor. Mit drei Jahren kam Ryszard nach Kostrzyn nad Odrą und wuchs an einem Ort auf, der als ein geradezu lebensunfähiger Torso einer Stadt erschien: abgeschnitten von den deutschen Ortsteilen Küstrin-Kietz und Kuhbrückenvorstadt, mit einer vollständig zerstörten Festungsstadt und einer trostlosen Neustadt auf dem Gebiet Polens, und dazwischen das Niemandsland mit der Oderinsel, russisches Militärgebiet und Sperrzone. Der ehemalige Deutschlehrer sehnt sich nach der heilen Altstadt, die er als Kind nicht hatte. Allerdings will Phönix aus der Asche nicht auferstehen; seit 1998 finden sich keine Investoren für die Wüstung – und wenige Unterstützer. Der lebhafte Skałba mit den blauen Augen sagt „99 Prozent der Polen sind gegen den Wiederaufbau.“

 

Aber warum überhaupt wieder aufbauen? Für Klaus Thiel ist Küstrin „eine Freilichtgedenkstätte und ein großer Friedhof“. Die „letzte Festung vor Berlin“ wurde 1945 über zwölf Wochen gegen die Rote Armee verteidigt, dabei starben 10 000 bis 25 000 Menschen, die in Schichten übereinander gestapelt, beigesetzt werden mussten – „Zwei Schichten Leichen, eine Schicht Kalk“, so erinnerte sich Thiels Großvater an die Beisetzungen. Thiel, der pensionierte Theaterwissenschaftler aus dem Opernmetier, engagiert sich leidenschaftlich in Skałbas Museum, ist erster deutscher Ehrenbürger Kostrzyns und spricht deutsche Besucher an, die an seinen Geschichten interessiert sind. „Manche wollen nur wissen, wo sie preiswert essen können.“ Andere hören stundenlang gebannt zu. Thiel erzählt mit einer faszinierenden Detailliebe von ehemaligen Bewohnern und von den Schrecken des Krieges, sein Repertoire ist unerschöpflich. Erzählen und Geschichten sammeln dienen ihm zur Vergangenheits-Vergegenwärtigung und als Mahnmal, nicht selten kommt er mit erstickter Stimme den Tränen nahe. Das Erinnerungsnetzwerk hat feine Fäden gesponnen.

Skałbas Onkel war im Nachkriegspolen Priester in der Neustadt, für die Polen ein Un-Ort mit schlechter Lebensmittelversorgung. Er empfing in den 60er Jahren einen angesichts der Zerstörung seiner alten Heimatstadt völlig entsetzten Thiel – mit ausgebreiteten Armen, indem er einfach sagte „Willkommen!“.

Als zur 700-Jahr-Feier 1932 ein Bildband über die brandenburgische „Veste“ erscheint, schreibt der Bürgermeister vom „Bollwerk gegen den slawischen Osten“ und der Herausgeber vom „Anfang des stehenden preußischen Heeres. Hier in Küstrin wurde es geschaffen.“ Die Stadt ist ein lebendiger Teil preußischer Militärgeschichte und Ideologie. Auf der Oderinsel entstehen im 19. Jahrhundert Kasernen. Drei Bahnhöfe der „Ostbahn“ lassen vor allem jenseits der Oder die der Festung vorgelagerte Neustadt wachsen. Die kleine Festungsstadt mit der Oderinsel hat im Jahr 1939 an die 5000 Einwohner, die Neustadt nahezu 14000, der Ortsteil Küstrin-Kietz 5000. Sechs Jahre später ist die Stadt verwüstet und geteilt. „Das Gefühl von Sinnlosigkeit menschlichen Handelns stellt sich ein… zweimal Weltende, eine spürbare Wunde.“ So bescheibt es Willi Sagert.

Der Historiker und wissenschaftliche Mitarbeiter des Museums, Martin Wichrowski, ein ernster Mann Mitte 30 führt in Räume, auf deren Böden Fundstücke sortiert sind: Messer, Helme, Munition aus dem 19. und 20. Jahrhundert: Handgranaten, Kanonenkugeln, Mörsergeschosse sowie Marschgeschirr- und Besteck. Zu sehen sind aber auch etwa einen Meter lange, ungefaltete rote Kartons – es sind Särge, denn die Festungsstadt birgt mehr menschliche Überreste als Kriegsgerät. Wichrowski erläutert, dass der sowjetische Friedhof 1953 nach Gorzow und Cybinka umgebettet wurde „doch begnügte man sich dabei offenbar mit den Köpfen der Gefallenen“. Daher halfen seit dem vergangenen Jahr Freiwillige aus Polen, Littauen, Lettland und der Ukraine die sterblichen Überreste zu bergen. Wichrowski umreißt das Konzept für eine neue Dauerausstellung. „Die Gegenstände haben eine hohe symbolische Bedeutung für die Geschichte, wir können damit die Wendepunkte der Stadt darstellen, die sich wiederholenden Apokalypsen. Seit 70 Jahren gehört die Altstadt zu Polen, jetzt bekommt das Gelände auch eine polnische Geschichte.“ Ein weißer Fleck, ein Tabuthema war die Geschichte der Stadt, endlich kann geforscht, nachgefragt und dokumentiert werden, ein Schatz für den Historiker des Museums.

Während die Kostrzyner Neustadt ein sonniges Provinzstädtchen mit 18 000 Einwohnern ist, könnte man Küstrin-Kietz als sterbendes Dorf bezeichnen. Der Ausbau des Schienennetzes in der Nachkriegszeit hatte die Zerstörung der intakten Dorfstraße zur Folge. Es blieb eine traurige Häuserzeile stehen. Mach dem Abzug des russischen Militärs blieb die Oderinsel menschenleer und die Gebäude verfallen in rasantem Tempo. Heute leben in Küstrin-Kietz nicht einmal mehr 900 Menschen.

Im Kulturhaus hat der Verein für die Geschichte Küstrins sein Museum und Archiv. 1901 und 1994 neu gegründet zählt er neun Mitglieder aus dem Ort und weitere 80 aus ganz Europa. Der ehrenamtliche Vereinsvorsitzende und Erinnerungspionier Martin Rogge schaut zurück und spricht von der Blütezeit in den 1990ern: Zu den Festungstagen waren Militärhistoriker angereist, ein kleines Museum wurde eingerichtet, die Oderinsel war als möglicher Standort des europäischen Zentrums für Vertreibungen im Gespräch – alles lange vor dem polnischen Engagement, dem Rogge immer noch mit Misstrauen begegnet, anders als viele Vereinsmitglieder. Mutter und Großmutter flüchteten aus der Neumark, ihre schweren Erinnerungen hatten in der DDR keinen Platz. Resigniert sagt Rogge: „Heute interessiert sich in Küstrin-Kietz keiner mehr für die Geschichte und kein Nachwuchs ist in Sicht.“ Aber die Touristen interessieren sich, nur die authentische Attraktion, die Altstadt, liegt nicht mehr hinter der Grenze, sondern in einem vereinten Europa ohne Passkontrolle und alte Feindbilder. Rogges Exponate könnten das nur drei Kilometer entfernte polnische Museum bereichern, aber eine Zusammenarbeit kommt nur schleppend zustande.

Ein Reisebus hält an der ehemaligen Grenze vor der Museumsbaracke, wo sich früher die Zollabfertigung befand. Polnische Rentner steigen aus und buchen spontan eine Führung durch die Altstadt. Skałbas Freilichtmuseum hat schon jetzt viel erreicht. Es wurden nicht nur die Trümmer entfernt und Gärtner beschäftigt, die die Vegetation in Schach halten. Zweisprachige Straßenschilder machen den alten Grundriss erfahrbar und Infotafeln erläutern historische Fotografien. Aber an erster Stelle werben Skałba und sein Team für Vertrauen in ihre Museumsinstitution. Mit Erfolg: Mehr und mehr Polen und Deutsche, kleine Privatsammler, die 70 Jahre lang ihre Schätze geheim hielten und pflegten, melden sich und bringen Gläser mit kleinen Malereien vom Schloss, Gemälde, Fotos, Gedenktafeln und nicht zuletzt ihre Erinnerungen zurück.

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