Fred Stein: Chez

Fred Stein im Jüdischen Museum

Der vergessene Humanist hinter der Kamera


Mit 58 Jahren starb er früh und fast unbekannt, wir wissen wenig über ihn. Begabt muss er gewesen sein – ein Naturtalent – oder wie ist es zu erklären, dass er innerhalb kürzester Zeit das Fotografieren zur Meisterschaft gebracht hat? Nun öffnet sein Sohn Peter Stein das Archiv mit den Negativen, Originalabzügen und der Korrespondenz. Die Fakten, Rekonstruktionen, Auskünfte und Mutmaßungen über den fast vergessenen Fred Stein (1909-1967) beschreiben einen Lebensweg mit erzwungenen Brüchen und dem sagenhaften Neuanfang in den fotogensten Städten der Welt.

Stein wurde in Dresden geboren, über das Erich Kästner, den er später porträtieren sollte, schrieb, dass er das Glück hatte seine Schönheit als Bube einzuatmen. Ähnlich ist es Stein vielleicht gegangen, umgeben von den königlichen Sammlungen in Schloss und Zwinger, die den größten Zuwachs im Rokoko erfuhren: Porzellan, Preziosen, Rüstungen und die Alten Meister. Er sagte, weil Dresden ihn vertrieben habe, sei er Fotograf geworden, als kreidete er es der Stadt persönlich an. Nach der als Hochzeitsreise getarnten Flucht hat er seine Heimat nie wieder gesehen.

Stein wurde im konservativen Sachsen zuerst Sozialist, er wurde, aus einer Rabbinerfamilie stammend, Jurist. Aus Deutschland geflohen und seiner professionellen Identität beraubt, wurde er in einer prekären Situation in Paris und New York Fotograf. Bessere Lehrmeister konnte er gar nicht finden, auch wenn die Entscheidung bis heute rätselhaft bleibt. So waren die Zeiten möchte man meinen, aber so war auch Fred Stein – unbeirrbar und authentisch, im Leben wie in der Fotografie.

Er traf in Paris die Crème de la Crème der Avantgarde-Fotografie und lebte mit der Lebensgefährtin Robert Capas, Gerda Taro, unter einem Dach. Er stellte mit Brassai, Man Ray, Dora Maar und André Kertész aus. Seine Pariser und New Yorker Bilder sind kurios, lustig und zärtlich. Er wollte kein Elend zeigen, sondern das Leben, es ging nicht um Betroffenheit, sondern um Wahrhaftigkeit. Die Blumenverkäuferinnen wirken zwar welk, gleichzeitig aber stolz und eigenständig. Stein hat auch die Armut gezeigt, aber sie ist nie das Thema seiner Bilder, auch nicht als Schönheit der Armut.

Das Leben in Little Italy, die schicke Dame mit einem Sonnenschutz aus Zeitungspapier, immer wieder die Kinder der Straße – komische, lebensvolle Szenen bleiben von seinem beeindruckenden Werk im Gedächtnis. Mit den Mitteln der Fotografie hat er eine Soziologie der Stadt geschaffen, die einfach beobachtet und alles vorm Objektiv gleich ernst nimmt – “Die Kamera unterscheidet nicht zwischen Berühmtheiten und einem Niemand, zwischen einem guten Freund und einem völlig Fremden, wenn sich der Verschluss öffnet.”, sagte er einmal – und die Bilder bestätigen das.

Ein wenig später als die in die Geschichte eingegangenen literarischen und fotografischen Flaneure Walter Benjamin, Franz Hessel und André Kertész entdeckt er auf den Straßen einen Mikrokosmos der Gesellschaft und wird erst jetzt mit der ersten Retrospektive seines Werkes reichlich verspätet als einer der Pioniere des “besonderen Augenblicks” erkannt und geehrt. Im richtigen Moment aufgenommen, haben viele der Fotografien eine perfekte, klassische Komposition und schöpfen die Möglichkeiten mit Licht und Schatten zu arbeiten voll aus.

Steins Porträts von Künstlern, Wissenschaftlern, Literaten und bedeutenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind geradezu ikonisch zu nennen, allen voran das berühmte Einstein-Bild, das ihn mit langen ergrauten Haaren zeigt. Stein kontaktiert von ihm bewunderte Persönlichkeiten aktiv oder verschafft sich Zugang zu großen Ereignissen. Viele der Porträtierten teilen ein ähnliches Exil-Schicksal. Die Kunst besteht bei diesen Arbeiten in Steins verfeinerter Technik, die Dargestellten in Gespräche zu verwickeln, sie wirklich als Person kennenzulernen und möglichst viel Authentizität hervorzulocken, bevor er, manchmal wie nebensächlich, den Auslöser drückt. Er fotografiert auf diese Weise viele deutsch-jüdische Emigranten wie Egon Erwin Kisch oder Hannah Arendt, aber auch Marlene Dietrich, Willy Brandt, Thomas Mann, Ben Gurion, John Updike, Marc Chagall, Walter Gropius oder Georgia O’Keefe.

Die Ausstellung im Jüdischen Museum (noch bis zum 23. März 2014) macht mit einem sehr guten, humanistischen Fotografen des 20. Jahrhunderts bekannt, der in der Fotografie und ihrer universalen Sprache eine neue Berufung und Trost fand. Sie beschert ihm hoffentlich den verdienten Platz im kulturellen Gedächtnis.

Foto: Chez, Paris 1934
© Estate of Fred Stein

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